Im Waisenhaus “Op der Rumm”

Nach dem Tod meiner Mutter im Juli 1927 verwahrlosten wir Kinder zusehends. Ich war 10, meine beiden Brüder 7 und 4 Jahre alt.

Ende November 1928 fielen zum ersten Mal die Worte: „Wanns de virun esou frech bass, da kënns de op d’Rumm“. Der Briefträger hatte einen Brief mit der Aufschrift: „Sozialamt der Stadt Esch/Alzette“ abgegeben! Am Neujahrstag 1929 brachte man mich und meinen Bruder ins Waisenhaus auf dem Rahmplateau in Luxemburg, der jüngste Bruder folgte erst sechs Monate später. Damit endete eine schlimme Periode meines noch jungen Lebens, die ich bis heute nicht vergessen kann.

Rumm_Gebäude1935

Um zu verhindern, dass von draußen ansteckende Krankheiten eingeschleppt würden, wurden die Neuen in einer Sonderabteilung von einem Arzt auf Herz und Nieren geprüft, ehe sie mit den anderen Kindern in Berührung kommen durften. Bei uns beiden dauerte die Prozedur eine Woche, Entlausung inbegriffen.

Zugleich wurden wir eingekleidet, das heißt Einheitskleidung, die jeder der 100 Knaben trug. Die Kleider wurden nummeriert, auch die Strümpfe und die Unterwäsche. Mein Bruder hatte die Nummer 78 und ich die Nummer 79. Daneben erhielten wir einen Sonntagsanzug, der nur an Sonn- und Feiertagen herausgegeben wurde.

Anfang Januar 1929, als wir beide in die Kinderschar aufgenommen wurden, zählte die ganze „Bevölkerung“ der Rumm zirka 800 Personen: 300 Männer, 250 Frauen und 200 Waisenkinder (100 Jungen und 100 Mädchen) sowie etwa 42 Nonnen vom Orden der heiligen Elisabeth. Die Gebäude der Rumm waren früher eine Kaserne der Festung Luxemburg gewesen und gehörten – wie auch heute noch – dem Staat. Die Nonnen hatten sich nur um die Menschen zu kümmern. Die Rumm war sowohl Altersheim, als auch Spital und Waisenhaus. Später, als die Weltwirtschaftskrise viel Arbeitslosigkeit schuf, erhielt vor den Toren der Rumm jeder Arbeitslose täglich eine warme Mahlzeit. Wir Kinder spürten von der Wirtschaftskrise nichts. Wir hatten satt zu essen, die Schule war im Hause selbst, sogar die Hausaufgaben wurden abends von 5 bis 6 Uhr in der Schule gemacht (Die Lehrerin führte dabei die Aufsicht).

Die 100 Buben waren auf 8 Schlafzimmer verteilt, in jedem standen 12 oder 14 Betten. Die Schwestern hatten ihre Ordensregeln, die sie fest einhielten und unser Leben wurde pingelig genau darauf angepasst. Der Tag begann morgens um Punkt 6 Uhr 10. Das Licht blitzte auf und mit den Worten: „Es lebe Jesus“, ging die Schwester laut betend durch die 8 Zimmer. Im Nu musste jeder aufstehen, das Nachthemd wurde mit der Hose gewechselt und dann ging es heraus auf den langen Gang. Hier stand für jeden eine Waschschüssel voll Wasser, und die Morgentoilette begann, Zähneputzen inbegriffen.

In der Zwischenzeit hatte die Schwester jedes Bett auf etwaige Bettnässer untersucht. Dann musste jeder, vom Kleinsten bis zum Größten, sein Bett selber machen, das Nachthemd falten und unter den „Duvet“ legen. Für jedes der 8 Schlafzimmer waren drei Mann bestimmt, die das Zimmer selbst instand setzen mussten. Mit einem feuchten „Torchon“, der an einem „Schrupper“ hing, wurde der Staub unter den Betten aufgefangen. Dann bekam jeder besonders zurechtgelegte Tücher unter die Füße gelegt und begann mit diesen den gebohnerten Holzboden blank zu reiben. Das ging gut, weil wir genagelte Schuhsohlen hatten. Auf dem langen Gang vor den Zimmern tat die Schwester dasselbe mit dem Rest der Schar.

Dies alles geschah mit 100 Kindern binnen 45 Minuten. Um 7 Uhr früh mussten wir in der Messe sein – und wir waren drin.

Kaum war das „Ite missa est“ verklungen, erhoben sich die Größten von uns und liefen in die Küche den Kaffee holen. Das Küchenpersonal hatte schon Brotportionen auf jedem Platz verteilt und – ob man es glaubt oder nicht – um 8 Uhr waren wir in der Schule. Das ganze, hier beschriebene Manöver wurde von einer einzigen Schwester geleitet.

Alle Jahre wieder, mit dem Beginn der großen Schulferien, begann die Obsternte, von Johannisbeeren, bis zu den Steinobstarten, wie Mirabellen und Pflaumen.

Die 200 Kinder wurden hier mit eingespannt. Die Mädchen pflückten das Obst im Garten und lieferten es in großen Körben bei uns Buben ab, wo es dann von den Stielen, bzw. den Steinen befreit wurde.

In den Hof wurde ein großer kupferner Obstkessel gestellt. Die Feuerung darunter wurde mit Holzscheiten betrieben. Die körperlich stärksten Kinder rührten dann stundenlang in diesem Kessel, in dem das Obst und eine enorme Menge Kristallzucker kochten.

Die Obsternte dauerte gewöhnlich eine ganze Woche. Das Obst wurde dann in irdenen Töpfen in den Felsenkellern des Rhamhospizes bis zum Gebrauch im Winter aufbewahrt.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Lehrstunden gingen damals morgens von 8 bis 11 Uhr und nachmittags von 14 bis 16 Uhr und wurden genau eingehalten. Zum Mittagessen gab es täglich Rindfleischsuppe mit einer großen Schnitte Brot. Nach der Suppe gab es abgekochtes Rindfleisch, zu diesem Rindfleisch wurde dann Kartoffelpüree mit sehr viel Speckgrieben gereicht. Man hatte nur das Recht zu sagen: „ein wenig“ oder „viel“. An Feiertagen wurde statt der Brotsuppe eine Vermicellesuppe gereicht.

So karg sich aus heutiger Sicht dieses Menü ansieht, es schmeckte uns allen, denn der größte Teil der Kinder kam aus Familienverhältnissen, in denen es nichts dergleichen zu essen gab. Das Vesperbrot um 4 Uhr nach der Schule bestand aus mit Marmelade geschmierten Broten. Danach mussten wir, von 17 bis 18 Uhr in die „Zilenz“.

Fast alles, was für die Lebensbedürfnisse der 800 Insassen des Rhamhospizes gebraucht wurde, wurde auch hier hergestellt. Es gab eine eigene Bäckerei, Kühe wurden gehalten, ferner gab es eine Schusterei, eine Schneiderei und eine Wäscherei. Ein großer Garten lieferte das Obst. Angeliefert von außen wurden Kohle, Koks und Holz zum Heizen und von Zeit zu Zeit ganze Ladungen Kartoffeln.

Das Holz wurde als Scheitholz in Korden geliefert. Zum Zersägen und Kleinhacken kamen 4 oder 5 Gefangene aus Stadtgrund, welche vom Richter zu Zwangsarbeit verurteilt worden waren. Daneben stand immer ein Gefangenenwärter mit Revolver.

Im Herbst 1929 wurden die Kinder des 7. Schuljahres ins Leben entlassen und die Jüngeren rückten nach, um deren Posten zu übernehmen. Mein mittlerer Bruder und ich, wir bekamen das Amt der Kleiderverteilung und eine Liste mit den Nummern eines jeden der 100 Kinder. Jeden Mittwoch kamen aus der Wäscherei Körbe voll frisch gewaschener Kleider, die mein Bruder und ich an die jeweiligen Besitzer verteilen mussten. Da wir ja inzwischen wussten in welchem Bett jeder schlief, wurden die Kleider mit der richtigen Nummer unter den Duvet des richtigen Bettes gelegt. So einfach war das und klappte immer. Am anderen Morgen warf jeder seine schmutzige Wäsche in die Körbe und wir beide brachten diese wieder zurück in die Wäscherei.

Wann die Schuhe in die Schusterei mussten, bestimmte die Hauptschwester, und wir trugen die Schuhe, ebenfalls per Korb, dahin.

Alle 2 Monate, immer montags, kam der Frisör. Dieser hatte mit dem Staat einen Preis pro Kopf vereinbart. Er brachte es fertig, binnen eines Tages 100 Kindern eine „Chienne“ zu schneiden.

In einem unserer luxemburgischen Volkslieder heißt es: „Hu si d’Schoulbicher nach ënnert dem Arem, da gëtt et hinnen ëm d’Hierzer scho warem“. So muss es eines Tages auch drei Jungen und drei Mädchen im Waisenhaus ergangen sein: Auf dem Weg zur Messe war es ihnen gelungen, Zettelchen untereinander zu tauschen, auf denen stand: „Ich liebe dich!“ Da waren jedoch zu viele Aufpasser und es kam heraus.

Das war der Sündenfall! Der Pastor wurde bestellt und im Beisein der Hauptschwestern wurden die drei zur Hölle verdammt. Den drei Mädchen erging es wahrscheinlich genauso. Wer noch einmal ein Mädchen ansah, würde eine Todsünde begehen!

Für einige von uns, die nichts damit zu tun hatten, gab es Nachwehen: Allen Jungen des 5., 6. und 7. Schuljahres wurden mittels Nähmaschine die Hosentaschen zugenäht. Es gab ein großes Hallo, doch da niemand ein Taschenmesser hatte, blieben die Taschen bis zur Pause in der Schule zugenäht. Dort hatte jeder einen Bleistiftspitzer. Das Messer wurde abgeschraubt und „ritsche, ratsche“ waren die Taschen wieder auf. Sie wurden nie wieder zugenäht.

Am meisten freuten sich die Kinder auf den Donnerstag- und Sonntagnachmittag. Dann wurden stundenlange Spaziergänge durch die Vorstädte Grund, Clausen und Pfaffental bis hin zu den 3 Eicheln oder über die „Schlassbréck“ und die „Corniche“ unternommen.

Da wir selbst auf dem Rhamplateau in einem geschichtsträchtigen Teil der früheren Festung Luxemburg wohnten, blieb es nicht aus, dass jeder nach und nach ein echter Kenner unserer Landesgeschichte wurde.

Vom Schulhof aus hatten wir eine wunderbare Aussicht auf Verlorenkost. Vom Bahnhof Luxemburg her zieht sich ein Viadukt bis zum Rhamplateau. Dort teilen sich die Schienenstränge der Eisenbahn in die Nordlinie und die Ostlinie auf.

Vom Schulhof aus sahen wir ferner auf die „Schwemm“ unter dem Viadukt. Die Alzette war hier gestaut worden, und ein Freiluftbad war entstanden. Als Bademeister figurierten Soldaten unserer Freiwilligen Kompanie.

In der Stadt Luxemburg hatte sich schon vor einigen Jahren ein Waisenkinderwerk gebildet, dessen Ziel es war, elternlosen Kindern an St. Nikolaus, Weihnachten und auch zur Schobermesszeit einige frohe Stunden zu bereiten. Der dazu bestimmte Tag war jedes Jahr der Freitag der Schobermesswoche. In Frage kamen die Waisenkinder von der „Rumm“ und Limpertsberg.

Anfang der 30er Jahre wurde uns Kindern noch eine besondere Ehre zuteil! Erbprinz Jean (der spätere Großherzog, damals zirka 10 Jahre alt) erwartete uns mit seiner Gouvernante auf dem Glacisfeld und führte die ganze Schar von Kindern im Verein der Damen und Herren vom Waisenkinderwerk zu den „Päerdercher“ und den „Knuppautos“. Als wir nach einigen Stunden wieder nach Hause zogen, hatte jeder von uns einen Rucksack voll Süßigkeiten erhascht. Der Erbprinz war noch tagelang unser Hauptgespräch.

3-4 mal die Woche läutete die „Péis“ (Totenglocke). Dann hatte wieder jemand das Zeitliche gesegnet. Wenn dann dessen Begräbnis auf den schulfreien Nachmittag fiel, mussten wir, Jungen und Mädchen, Rosenkranz schwenkend den Kuberg hinauf hinter der Leiche eines uns völlig unbekannten Menschen gehen. Der Tote konnte zwar nichts dafür, aber wir grollten trotzdem, dass er uns den Nachmittag verdorben hatte.

Jedes Jahr wurde ein Teil der Matratzen „gerupft“, wie wir es nannten. Sie erhielten neue Bezüge. Sie waren mit Rosshaar, dem sogenannten „Kréng“ gefüllt. Damit diese Matratzen nicht verfilzten, musste der „Kréng“ mit den Händen gerupft werden. Dadurch wurde die Matratze wieder weich und luftig. Ich lernte in dieser Zeit, wie man eine Matratze näht und mit den Stöpseln verfestigt, damit sie Halt bekommt. Das Ganze machte uns Kindern Spaß, dies umso mehr, da manche Süßigkeiten abfielen.

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Anfang März 1933 ließ mich der Direktor rufen und teilte mir mit, man habe eine Arbeitsstelle bei einem Landwirt in Eschdorf für mich gefunden. Ich sollte mich sowohl in der Schneiderei als auch in der Schusterei vorstellen. Meinen Lohn von monatlich 75 Franken, würde er, als mein Vormund, auf ein Sparkassenbuch setzen und bis zu meinem 18. Lebensjahr verwahren. Damit wurde meinem Vater die Möglichkeit genommen, meinen Lohn einzuheimsen.

Am 15. März 1933 erschien meine zukünftige Meisterin, um mich abzuholen. In der Schneiderei hatte man mir zwei Anzüge mit langen Hosen angefertigt: einen für sonntags und einen für werktags, zusätzlich Unterwäsche und Strümpfe – alles in doppelter Ausführung. Aus der Schusterei wurden ein Paar Arbeits- und ein Paar Sonntagsschuhe Größe 39 angeliefert. Um alles einpacken und transportieren zu können, hatte die Schreinerei eine Holzkiste mit Holzdeckel und Absperrschloss bereitgestellt, an deren beiden Seiten je ein Griff angebracht war.

So fürs Leben ausgestattet, verließ ich gegen 3 Uhr nachmittags in Begleitung meiner Meisterin das Waisenhaus, in dem ich während vier Jahren eine zweite Heimat gefunden hatte. Was würde die Zukunft bringen?

Extrait aus dem Buch “Deemools am Minett”