America, America, God shed His Grace on thee …

In den Nachkriegsjahren war Amerika nicht nur in seiner Nationalhymne, sondern auch in den Augen der meisten Europäer ein begnadetes Land. Noch gingen Briefe hin und her zwischen ganzen Familien und so manchem Befreier, mit dem sie sich angefreundet hatten … falls die Sprachenbarriere überwunden werden konnte. Wenn nicht, war es auch nicht schlimm, denn die Kinder erinnerten sich an Schokolade, Kaugummi und an die Jeeps mit oft recht flotten „Boys“. So manches Mädchen träumte davon, die Enge der Nachkriegswelt an der Seite eines GIs in Richtung „Neue Welt“ zu verlassen. Dies zumindest so lange, bis hier die braunen Babys nachdunkelten oder junge Bräute in Briefen – verhalten – berichteten, dass auch jenseits des Ozeans nur mit Wasser gekocht werde.

Immerhin, aus Amerika kamen Glitzer und Hollywoodträume, neue Musik, atemberaubende Technik und – wie man glaubte – freiheitlichere Sittengesetze sowie offene Karrieren. So mancher Schulversager glaubte, es „drüben“ besser richten zu können, weil man da zeigen konnte, zu was man fähig war. Die klassische Aufsteigerkarriere vom Tellerwäscher zum Millionär war verführerisch und weckte unerfüllbare Erwartungen. Aber immerhin, der Traum vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ wurde tausendfach geträumt. Drüben, in einer Gesellschaft im Aufbruch, gab es diese Möglichkeiten. Doch zu welchem Preis? In europäischen Büros meinten junge Laufburschen: „Dort kannst du nebenbei Ingenieur werden“. Ja, solche Meldungen und Nachrichten gab es wohl. Auch das „lifelong learning“ hatte dort seinen Ursprung. Nur – dies war mit hartem Pioniergeist und stählerner Disziplin verbunden. Sie hatten Amerika groß gemacht.

Amerikaträume wurden aufgeblasen in den neuen rauchigen Jazzkellern, wo selbst europäische Musiker amerikanische Namen trugen und amerikanische Zigaretten rauchten. Mich sprach der Jazz nicht an, zumal als ein Nachbarsjunge, ein Musikfan, mir sagte: „Wenn ich Jazz spiele, brauche ich keine Noten zu lernen. Da brauche ich nur zu phantasieren.“ Im Zeichenunterricht hatte ich gelernt, dass es mit Schmieren und Farbklecksen nicht getan ist. Hier gab es Perspektive, Licht und Schatten, Farbmischen und Farblehre. Weshalb gab es in der Musik nicht auch Regeln, die man lernen musste, wie etwa Harmonie, Rhythmik … Vielleicht hatten die schwarzen Musiker, die in der Jazzszene groß waren, „ihre Musik“ einfach im Blut? Ich mochte die Atmosphäre der Lokale nicht, ich hatte auch keine Zeit und keine Lust hinzugehen, so war Jazz eben Jazz – gelernt oder improvisiert. Nur nach und nach interessierte ich mich für die Kultur der amerikanischen Schwarzen.

Überhaupt Zigaretten – „cigarettes and whisky“ hier, eine einschlägige Melodie – waren in etwa der Geruch, der unsere jungen Jahre entweder verpestete oder auch belebte. Die amerikanischen Soldaten hatten sie mitgebracht und ausgeteilt. Seitdem waren die Gaststuben und neuen Milk Bars an den Straßenecken mit blauem Dunst geschwängert. Jugendliche fühlten sich „cool“ und tüchtig, wenn sie Rauchwolken in die Luft bliesen. Wer das nicht tat, riskierte als Außenseiter zu gelten. Manche fügten sich richtige gesundheitliche Schäden zu. Arbeiter, einerlei in welcher Sparte, hatten Zigarettenstummel zwischen gelben Zähnen. Niemand fand etwas Schlimmes dabei und auch die jungen Mädchen fingen an, an Zigaretten „zu ziehen“. Das war die große Freiheit in einer Erziehungswelt aus Geboten und Verboten. Neben jedem Studenten und fast jeder Studentin stand beim Lernen ein Aschenbecher mit meist Marlborough-Stummeln.

Dieser Tabaknebel erhielt Farbe und einen Hauch von Fernweh durch die allgegenwärtigen Plakate mit dem „Marlborough man“, der am Lagerfeuer Banjo spielte. Ein anderer fegte als Cowboy mit flotten Reiterstiefeln und Cowboyhut durch den Grand Canyon und über allem schwebte eine Tabakwolke, die den Horizont optisch erweiterte. Diese Reklamen waren irgendwie schön, auch für Nichtraucher. Sie zeigten ungewohnte Landschaften und Farben in dem fernen Land hinter dem Meer. Ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen.

Sicher, solche Reklamen bargen ein wahres Talent für Design, Fotografie und Manipulation der Psyche, der nur wenige sich entziehen konnten. Mir gefiel eine andere Werbung bei weitem besser: Es waren eher minimal gezeichnete Schiffe oder Flugzeughecks. Dazu angedeutete Wellen und Wölkchen. Natürlich durfte ein fescher Kapitän nicht fehlen, der einlud im Dunst einer „Stuyvesant“ in den „Duft der großen, weiten Welt“ zu segeln oder zu fliegen. Ich wunderte mich damals über die eigenartige Schreibweise des Namens. Doch ich erfuhr, Peter Stuyvesant sei einer der ersten Verwalter von New York gewesen, das damals – im 17. Jahrhundert – noch New Amsterdam hieß. Also, von den Ebenen Hollands über das Meer, bis hin zu einem anderen Kontinent – auch wenn ich nicht rauchte, fand ich die Formulierung genial und interessierte mich für die Seefahrer.

Ich glaube, dass sich in diesen Plakaten und Zeichnungen der europäische Traum von Amerika in dieser Zeit verdichtete. Daneben erreichten uns die Produkte von Hollywood mit gelackten Filmsternchen, ihren Scheidungsgeschichten und sonstigen Skandalen und Skandälchen. Wildwestfilme kamen nicht ohne Schlägerei aus, hatten aber alle ihre Fans, die in die Kinosäle strömten, vor denen reißerische Plakate lockten. Es gab darin den guten Cowboy und den Bösewicht sowie das schöne Fräulein, das in weißer Bluse, frisch frisiert, in der Wüste auftauchte. In anderen Filmen sorgte der noch relativ junge Ronald Reagan in naiven Rollen für die Moral von Amerika. Die differenziertere Kunst eines James Dean aber ließ vielleicht deshalb aufhorchen, weil er sich selbst spielte und damit ein Loch in die Traumblase stach: als rebellischer, unzufriedener Jugendlicher.

Aus Amerika kamen auch Waschmaschinen und Kühlschränke nebst Geräten mit glitzerndem Chrombesatz. Der Traum eines jeden Jungen und sogar reifen Mannes war einer der riesigen Straßenkreuzer, die in Pink, Violett oder Kellygrün auch auf unseren Straßen auftauchten. Roger, etwa 10 Jahre alt, stand vor der Pforte des Vorgartens und beobachtete die vorbeifahrenden Autos. Manchmal rief er begeistert: „Buick, Oldsmobile, Nash, Studebaker, Chevrolet, Plymouth …“ Er kannte sie alle und half seinem Vater nach Feierabend, den alten Skoda so gut es ging auf Amerikanisch hochzutrimmen. „In Amerika“, sagte er, „braucht man so große Autos, weil die Entfernungen so groß sind. Da fährst du „wie nichts“ noch abends z.B. nach Wiltz zum Kartenspielen. Und das ist dann „next door“. Nun, der alte Skoda lief und lief und passte in die kleine Garage unter dem Haus.

Auf Findel landeten 4-motorige Maschinen von Fluggesellschaften mit klingenden Namen wie „Seven Seas“ oder „Seaboard and Western“. Sie kamen aus Amerika und wurden von für uns beeindruckenden Piloten geflogen. An Bord waren auserlesene Passagiere und Stewardess war in der Tat ein Traumberuf, den es bei uns nicht gab. Ich ließ mir sagen, Pan Am habe den Damen an Bord eine Rose überreicht. So blieb Amerika lange Jahre ein Land der Sehnsucht, der Hoffnung, denn … wer konnte sich schon eine Flug- oder Schiffsreise in die Wirklichkeit leisten?

Der reiche Onkel fand nur selten den Weg zurück; und wenn, war er entweder ein Geschäftsgauner oder ein abgearbeiteter, gar nicht so reicher alter Mann, der die Heimat wiedersehen wollte, um dann zu verschwinden, meistens nicht ans Lagerfeuer der Cowboys, sondern in die Straßenschlachten einer Riesenstadt. Nur Roger stellte sich Wolkenkratzer und Glaspaläste mit vielen bunten Lichtern vor. Auch ich liebte Country und Western Songs, Dixieland und die Geschichten des Mississippi-Schiffers Mark Twain, der eigentlich Samuel Clemens hieß. Das „Twain“ war ein Maß, das angab, ob man in einem der seichten Mississippi-Arme einbiegen konnte oder ob das Wasser nicht tief genug war. „Mark Twain“ war das Kommando des Kapitäns, der den Matrosen befahl, das „Twain“ auszuwerfen. Namen wie Mississippi, Minnesota, Oklahoma, usw. fand ich wunderbar. Sie stammten von den Indianern. Hier war das wahre Amerika. Mark Twain kannte es, selbst noch im Schlamm des Flusses. Trotz aller Sympathie für Winnetou, gab es etwas bei Karl May, das mich nicht überzeugte. Was es war verstand ich, als ich erfuhr, dass er nie selbst in Amerika gewesen war.

„Our Germans were the best“, sagte einmal ein Geschäftsmann. Damit meinte er die Wissenschaftler und Forscher, die vor und während des Krieges nach Amerika gekommen waren. In der Tat, starke amerikanische Medikamente standen lange hoch im Kurs, auch in Europa. Ärzte rühmten die Sterilität der Kliniken; die Arbeit der Forscher geschah diskret, doch mit viel Engagement. Und als der Impfstoff gegen Kinderlähmung, den eine Gruppe Wissenschaftler um Professor Salk entwickelt hatte, freigegeben wurde, läuteten in ganz Amerika die Kirchenglocken. Auch der Traum vom Mann im Mond lag bereits in der Luft …

In der eisigen Atmosphäre des Kalten Krieges wetteiferten USA und UdSSR mit Raketen im All. Irgendwie störten sie den Traum von der Wunderwelt, der mit dem Vietnamkrieg und den aufkommenden billigeren Flügen endgültig platzte.

Extrait aus dem Buch “Eis fofzeger Joren. Eng Gesellschaft am Wandel”