Die alte Zuangs – unsere erste Waschmaschine

Bis in die 50er Jahre wurde in den meisten Familien am Montag gewaschen. Es war dies ein Ritus mit Wasserkessel, Feuer, Dampf, Weichen, Kochen, Schrubben … Doch es gab auch schon manche Erleichterungen. In den meisten Häusern entstanden Badezimmer mit „Boiler“, d.h. mit warmem Wasser nach Bedarf. Badezimmer entstanden unter Treppenhäusern, in Schuppen, leeren Ställen usw. Manche waren auch einfach angebaut. Zu meinem Glück hatten wir einen solchen Anbau mit einem Fenster, das man öffnen konnte. An der Wand hing ein Gasboiler. Eine Badewanne prangte auf vier gedrehten Füßen und unter einem großen Spiegel stand ein Waschbecken aus Zinn, in dem es sich bequem planschen ließ. Eines Tages nun sagte meine Mutter: „Du machst jetzt deine eigene Wäsche. Das kannst du im Badezimmer, weil du ja nur warmes Wasser brauchst. Nur Kochwäsche kommt in den Kessel“. Am schulfreien Samstagnachmittag erhielt ich eine Handbürste und ein Stück Marseiller Seife, die Gasflamme unter dem Boiler musste ich etwa eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn anzünden. Und dann konnte es losgehen.

Nun, begeistert war ich nicht gerade, aber es gab unangenehmere Beschäftigungen. Dann – ja, dann machte ich eine Entdeckung! Das Badezimmer grenzte an das kleine Büro meines Vaters, und hier stand ein Radio. Ließ ich die Tür offen, so konnte ich über der Wäscherei Musik hören! Ich suchte die Skala der Sender ab. Natürlich nach dem heißgeliebten Mozart!

Von der Höhe meines Teenagerolymps hatte ich Schlager und dergleichen als „rindsobersaudumm“ aus meinen Sphären verbannt. Aber – ich entdeckte anderes. Einmal hockte ich am Rand der Badewanne und während die Wäsche weichte, lauschte ich verzückt der „Schöpfung“ von Haydn. Er verstand die Sprache des Himmels und der Erde.

Bald wusste ich auch, welche Sender ich einschalten musste: France Musique, Südwestfunk und die Belgier. Als ich einmal von Schuberts „Schöner Müllerin“ total verzaubert war, machte ich den Zusammenhang zwischen meinem Waschwasser und dem „rauschenden Bächlein so silbern und hell“, – mehr noch, ich wünschte das Meer zu sehen … Wenn ich mit allen Stücken durch war, rückte ich ein Trockengestell an das offene Fenster und der Wind konnte in Ruhe hereinstreichen.

Die Sache hatte nur einen Haken: Mein Vater fing an sich zu ärgern, weil seine Nachrichtenquelle nicht mehr so leicht floss. „Europe 1 ist immer verstellt, die Kollegen von Radio Saarbrücken muss ich immer wieder suchen.“ Da er alles andere als ein Musikliebhaber war, hörte ich ihn sagen: „Die Lektion muss bis jetzt gelernt sein. Und nun hört diese musikalische Planscherei auf. Es gibt jetzt Waschmaschinen. Die sind eine Erleichterung für viele Hausfrauen, auch für dich, Albertine. Wir bekommen nun eine Waschmaschine.“

Die „alte Zuangs“ war in einem undefinierbaren Nachkriegsgrün gestrichen. Sie hatte eine Schiebetür oben, die eine querliegende Kupfertrommel freigab. Unten lief ein Rohr mit Löchern in regelmäßigem Abstand, das an die Gasleitung angeschlossen wurde. An der Seite war ein Kasten mit Elektromotor angebracht. Ihn konnte man mit einem Schalter wie einen Gasherd bedienen und einstellen, etwa auf „Weichen, Kochen, Spülen“. Auswringen konnte die alte Zuangs noch nicht. Wie beim Boiler im Badezimmer musste auch die Gasflamme etwa eine halbe Stunde vor Waschbeginn angezündet werden. Aus den Löchern des Rohres schossen kleine, blaue Flammen. Während des Waschvorgangs tickte eine Uhr, die nach getaner Arbeit das Ganze mit einem trockenen „Klick“ zum Stillstand brachte. Dann wurde das Wasser abgelassen und die per Hand ausgewrungene Wäsche trocknete auf der Leine im Garten.Er rief sofort die Firma Zuang in Düdelingen an und bestellte eine Maschine. Es wurde ein Liefertermin vereinbart und der Chef der Firma in Person, zusammen mit einem Arbeiter, trugen die „neue Waschfrau“, wie sie sagten, in die alte Waschküche. Anschließend wurde ihr Einstand mit einem Glas Wein in der Stube gefeiert, während Instruktionen und Ratschläge für die richtige Nutzung gegeben wurden.

Eine große Hilfe war die „alte Zuangs“ allemal – doch wie kam ich nun zu meiner Musikstunde? Hatte Mutter nicht gesagt, ich müsste auch beim Bügeln helfen? Schließlich war es gut und nützlich, solche Dinge zu können.

Von nun an rückte ich das Bügelbrett vor das offene Fenster und bügelte, was die Zuangs gewaschen hatte. Dies war schwieriger als das Waschen, doch es gehörte dazu. Dazu entdeckte ich das wundersame Concierto de Aranjuez von Rodrigo, sowie dessen „Alhambra“ mit den perlenden Gitarrenklängen. Das Banjo, das Pete Seeger zu seinen Western-Songs spielte war einfach ein Genuss. Ich liebte Peter Alexanders Wiener Lieder und die Harmonika der Valse Musette. Dixieland war einfach hinreißend. Dann gab es da noch das Bandoneon – und als Schönstes von allem Papagenos Glockenspiel.

Von nun an machte ich auf der Senderskala ein Zeichen, wo die Nadel gestanden hatte und stellte nach getaner Arbeit die Nachrichtenstation wieder deutlich ein. Nachbarn, die mich hinter ihren Vorhängen beobachteten, fragten bald, ob ich denn nicht in die Stadt bummeln ginge, oder so … Aber nein, ziellose Bummeleien oder Tanzsäle interessierten mich nicht. Wie hätte ich ihnen auch erklären können, dass man vom Rand einer Wanne aus oder hinter einem Bügelbrett ein ganzes Stück Welt entdecken und den Blick sehr weit dehnen kann?

Auszug aus dem Buch der RBS-Biographiegruppe: „Eis fofzeger Joren. Eng nei Zäit: Wunnen, Iessen, Moud“