Ein ereignisreiches junges Leben

Ostern 1924

Meine Eltern, Anna Streitz und Charles Poiré, heirateten am 20. Mai 1920. Meine Mutter war eine tüchtige Näherin, aus diesem Grunde hatte sie erst später geheiratet. Mein Vater war Bauunternehmer. Er arbeitete mit zwei Arbeitern aus dem Nachbarsdorf. Heute steht noch immer ein Haus in Senningerberg, welches mein Vater gebaut hat.

Mein Vater arbeitete öfters in Frankreich, denn damals wurde noch nicht so viel in unserm Land gebaut. Er und sein Schwager Mathias Grethen beschlossen, für ein Jahr ganz nach Frankreich arbeiten zu gehen. Jeden Monat schickte Vater meiner Mutter das Geld zum Leben. Mein Bruder Jean-Pierre war damals erst zwei Jahre alt. Als aber wieder mehr Arbeit in Luxemburg war, kamen sie zurück nach Hause.

Eines Tages – meine Eltern waren damals vier Jahre verheiratet – stürzte eine Mauer in Senningen ein und mein Vater bekam den Auftrag, sie wieder in Stand zu setzen. Da sie nur zu dritt waren, half er seinen Gesellen bei der schweren Arbeit. Es regnete während der ganzen Zeit, und so kam es, dass er sich böse erkältete. Er kam nach Hause und klagte über Kopfschmerzen. Meine Mutter sagte: „Nimm ein Aspirin und leg dich ins Bett.“

Mein Vater legte sich nieder und stand nicht mehr auf. Er war an einer schweren Lungenentzündung erkrankt. Meine Mutter rief gleich zwei Ärzte, einer kam aus Luxemburg und der andere aus Junglinster, aber es war alles umsonst. Damals hatten sie noch keine Medikamente, so wie das heute der Fall ist. Die Ärzte kamen und gingen ohne etwas auszurichten. Zu dieser Zeit erwartete meine Mutter gerade ihr zweites Kind, und das war ich. Am 18. Tage seiner Krankheit sagte mein Vater in den Armen meiner Mutter: „Jetzt bekommen wir eine Tochter, die wird ihren Vater nicht mehr kennen, es ist die kleine Bertha.“ Das waren seine letzten Worte.

Am Gründonnerstag wurde mein Vater begraben und ich wurde am Karfreitag, dem 18. April 1924, geboren.

Kindheit im Senninger Schloss

Da mein Vater in keiner Kasse war, bekam meine Mutter auch keine Rente. So begann sie wieder zu arbeiten und verdiente auch bald gutes Geld vom Nähen. Ihr Vater war 30 Jahre lang Gärtner im Senninger Schloss. Er war dort sehr beliebt und verdiente gut. Als ich ins erste Schuljahr kam, meldete sich die Frau Wenandy vom Schloss bei meiner Mutter und fragte, ob sie bereit sei, auf dem Schloss zu arbeiten. Ich erinnere mich noch ganz genau, denn es war um die Osterzeit und Frau Wenandy hatte uns Ostereier mitgebracht.

Meine Mutter antwortete freundlich: „Ja, aber nur wenn ich die Kinder mitbringen darf.“ Da mein Bruder und ich gut erzogen waren, durften wir mit aufs Schloss. Das war für uns eine sehr schöne Zeit!

Dort gab es einen kleinen Weiher, in dessen Mitte ein Wasserstrahl in die Höhe schoss. Mit einem Schlüssel konnte Herrn Wenandy den Wasserstrahl zudrehen und wir Kinder konnten Boot fahren! Die Mitte des kleinen Weihers nannten wir „Paris“. Ich wollte immer nach Paris gefahren werden.

Neben dem Weiher war eine große Schaukel. Wir flogen mit ihr hoch über das Wasser, Angst kannten wir damals noch nicht. Was wäre geschehen, wenn wir ins Wasser gefallen wären? Dann wären wir bestimmt ertrunken, denn der Weiher war tief. Jemp, einer der Knechte, musste beim Reinigen immer ganz hohe Stiefel anziehen.

Die kleine Bertha Poiré im garten des Senninger Schlosses

Die kleine Bertha Poiré im Garten des Senninger Schlosses

 

Kirschenzeit und Heuernte

Es war Kirschenzeit und die Bäume trugen in Hülle und Fülle. So kam auch der dicke Fenny um Kirschen zu pflücken. Fenny lehnte die Leiter an einen Stamm und sagte zu uns Kindern, wir sollten uns unten mit den Füßen dagegenstemmen, damit sie nicht umfiel.

Das war gut überlegt, und wir beide gehorchten. Aber je höher Fenny stieg, umso mehr fing die Leiter an zu wackeln und begann, sich hin und her zu bewegen. Da krachte es auch schon und Fenny lag unter der Leiter. Er tat keinen Mucks mehr.

Da ging mir ein Licht auf! Ich hatte meinen kleinen Eimer, der für die Kirschen bestimmt war. So schnell ich konnte, lief ich zum Bach, der aus dem Wald floss, und füllte meinen Eimer. Dann rannte ich, so schnell mich meine Beine trugen, zurück zu Fenny. Unterwegs verlor ich meine Sandalen, aber das war mir egal. Ich goss Fenny, das Wasser übers Gesicht, schlug ihm auf die Backen und rief: „Fenny, wach auf!“

Auch Etty lief so schnell er konnte und rief seinen Vater, der dann auch sofort herbeieilte! Gott sei Dank war Fenny inzwischen wieder aufgewacht. Sein Vater lobte mich und sagte: „Das hast du gut gemacht.“ Ich stand da und war ganz nass, aber das war ja nicht so wichtig! Hauptsache wir waren mit dem Schrecken davon gekommen. Wir hoben die Leiter auf und Fenny kroch gesund und munter heraus, bedankte sich und stieg in Zukunft nie mehr auf die Leiter. Von dem Zeitpunkt an musste Jemp, der Knecht, immer auf die Leiter steigen um Obst zu pflücken. Das ging besser, denn er war nicht so dick!

Es gab noch andere Bäume im Schlossgarten, viele verschiedene Sorten. Herr Wenandy hatte uns erlaubt, alles zu pflücken und zu essen, nur bei einer Sorte war es verboten, und die hießen „Hondsbaken“. Diese Sorte Äpfel war bestimmt für Martha, eine Kusine meiner Mutter, die sollte sie mit zum Markt nehmen. Es war wie damals im Paradies: die verbotenen Früchte lockten zu sehr. Wir probierten sie heimlich und weil sie gar so gut schmeckten, aßen wir immer mehr davon.

Da aber erschien plötzlich Herr Wenandy, und Etty rief: „Schnell in die Scheune, wir verstecken uns lieber.“

Als Herr Wenandy feststellte, dass nur noch ein paar Äpfel am Baum hingen, konnte er sich leicht denken, wer die Diebe waren, und das Donnerwetter folgte auf dem Fuß. Was meint ihr, da bekamen wir Schläge! Etty von seiner Mutter und ich natürlich auch von meiner. Das haben wir nie mehr vergessen.

Immer, wenn das Heu in die Scheune gefahren wurde, versteckten wir Kinder uns im Heuhaufen, denn wir hatten keine Lust zum Helfen. Zum Transport wurden damals Pferde bei einem Bauern ausgeliehen und die zogen die voll beladenen Wagen in die Scheune.

Niemand wusste, dass wir uns heimlich im Heu versteckt hatten, bis Etty auf einmal „Aua“ schrie. Es war eine Heugabel, die sie gespürt hatte. Was war das für ein Schrecken, als wir nacheinander aus dem Heu herauskrochen. Was hätte da alles passieren können! Gott sei Dank hatten wir wieder einmal großes Glück gehabt!

Das arme Néckelchen

Meine Mutter hatte ein schreckliches Unglück in ihrer Kinderzeit erlebt. Sie hatte einen kleinen Bruder, den sie alle sehr liebten. Er war acht Jahre alt und durfte noch nicht zum Religionsunterricht gehen. Eines Tages bettelte er bei dem Nachbarn und fragte: „Wann darf ich endlich mitgehen?“ Der Nachbar erwiderte: „Du hast Glück, heute fehlt jemand bei mir in der Bank, komm mit, du darfst neben mir sitzen.“

Ganz froh ging NéckeIchen mit zum Unterricht. Da er noch nicht gut lesen konnte, bekam er die Bibel zum Anschauen. Er blätterte in dem großen Buch und stieß auf die Bilder, wo Jesus gekreuzigt wurde. Kurzerhand nahm er den Griffel und rief: „Die bösen Juden, die haben den Gottespapp gekreuzigt!“ und kratzte ihnen mit dem Griffel die Augen aus.

Was dann aber geschah, ist kaum zu glauben. Pfarrer Keup, von dem erzählt wurde, er habe ein Verhältnis mit der Lehrerin, bekam einen Wutanfall. Er schlug dem Kind mit dem Lineal auf den Kopf und verletzte sein Gehirn so schlimm, dass sofort eine Lähmung eintrat. Zwei gute Freunde trugen NéckeIchen nach Hause. Man kann sich vorstellen, wie alle erschraken und weinten. Meine Mutter lief schnell zu ihrem Vater, der im Schloss arbeitete. Sofort riefen sie den Arzt, aber es war zu spät. Der Doktor sagte: „Das Kind hat doch einen Vater, wie kann der das bloß zulassen?“

Mein Großvater war kein Prügler und, obschon ihm danach zumute war, rächte er sich nicht. Was hätte es ihm auch genützt? Er hätte sicher Gefängnisstrafe bekommen und dann hätten sie noch ein zweites Unglück gehabt.

NéckeIchen lebte noch zehn Tage mit sehr schlimmen Schmerzen, er hatte ja noch so ein junges Herz. Vor seinem Tod wurde sein Pate aus Frankreich, der Ordensmann war, durch ein Telegramm benachrichtigt. Das ganze Kloster betete. Gegen fünf Uhr morgens starb NéckeIchen.

Nach einiger Zeit heiratete ein Mädchen vom Schloss. Mein Großvater musste Sessel in die Kirche bringen. Keup, wie sie ihn alle nannten, versteckte sich in der Sakristei.

Mein Großvater war ein gläubiger Mensch und nahm es sehr genau mit den Vorschriften seiner Religion. Als Ostern kam, sagte er mit schwerem Herzen: „Wie soll ich das jetzt machen? Muss ich jetzt wirklich zum Mörder meines Sohnes beichten gehen?“

Er überwand sich aber und ging beichten. Als er im Beichtstuhl kniete, fing der Keup an zu weinen und sagte: „Sagen sie Jenn (Jean), kann ich das noch gut machen, was ich Ihnen angetan habe?“ Mein Großvater erwiderte: „Nein, nie und nimmer!“ Da erhob der Priester sich und verließ weinend den Beichtstuhl. Danach hat er nie mehr eine Beichte angehört.

Unsere Familie überlegte oft, weshalb der Pfarrer sie nicht leiden konnte. Mein Großvater arbeitete erst seit zwei Wochen auf dem Schloss, er konnte wunderschöne Blumenbeete machen. Viele beneideten ihn darum. So kam auch eines Tages der Pfarrer zu ihm und bat, er möge doch auch für ihn so ein schönes Blumenbeet machen. Mein Großvater wusste, dass Herr Dervaux den Keup nicht leiden konnte. Aus dieser Ursache schob er den Auftrag auf, denn er wollte nicht unloyal gegenüber seinem Dienstherrn sein. Ob das wohl die Ursache war? Musste sein Sohn NéckeIchen darunter leiden?

Meine Mutter bekam auch einmal Schläge von der Lehrerin. Die Folge war, dass sie drei Tage nicht mehr sprechen konnte. Da griff Herr Dervaux ein, und brachte die Sache aufs Gericht. Meine Mutter war damals zwölf Jahre alt. Der Richter fragte sie: „Sag mein Kind, weißt du denn, was ein Eid bedeutet?“ Sie antwortete: „Ja, Herr Richter, da darf man nicht lügen.“ So kam alles ans Tageslicht. Der Pfarrer und die Lehrerin bekamen, da sie bis dahin unbescholten waren, nur eine Geldstrafe anstatt Gefängnis. So endete die ganze furchtbare Geschichte.

Der Ernst des Lebens beginnt

Es kam die Zeit, wo wir die Schule verlassen sollten. Etty durfte natürlich weiterlernen im Athenäum. Ich war sehr traurig, denn ich hatte immer gern gelernt und war auch eine gute Schülerin gewesen, nur hatte ich leider keinen Vater, der ein Gymnasium bezahlen konnte. Meine Lehrerin aus Niederanven, die mich gern hatte, wusste Rat: „Weine nicht“, sagte sie, „wir werden schon etwas für dich finden.“

Und wirklich, das Wunder geschah, und ich durfte weiter in die Schule gehen. Es war die „Jeunes Economes“, die mich zu besonderen Bedingungen aufnahm: Morgens bediente ich dort das Telefon und öffnete Besuchern die Tür. Diese Arbeit machte mir Spaß, denn ich lernte viele nette Menschen kennen. Mittags durfte ich dann zum Unterricht, den ich ja selbst finanzierte.

In dieser Schule war ich fünf Jahre, von 1938 bis 1943. Während dieser Zeit wurde der Kriegsdienst einberufen. Auch ich wurde zur Musterung gebeten, aber da die Mutter Oberin es gut mit mir meinte, ließ sie mich erst einmal zurückstellen.

Im Arbeitsdienst

Eines Tages musste ich aber doch zum Arbeitsdienst und später zum Kriegsdienst. Ich kam dort gut zurecht, obwohl ich die einzige Luxemburgerin war. Es waren auch zwei Mädchen aus Lothringen bei uns, mit denen ich ab und zu französisch sprechen konnte, aber da galt die Maxime „lass dich nicht erwischen.“

Nach sechs Wochen wurden wir in den Außendienst geschickt. Ich hatte Glück, denn die Leute auf meiner Arbeitsstelle waren keine fanatischen Hitleranhänger. Sie verstanden auch nicht, dass ich zur Arbeit gezwungen war. Ich erklärte ihnen, dass ich als registrierte Schülerin eben daran glauben musste.

Es war ein großer Bauernbetrieb mit drei Pferden. Der Besitzer war Ortsbauernführer und hielt des öfteren Versammlungen im Lager ab. Deshalb bekamen sie auch eine „Arbeitsmaid“ – und die war ich – nebst zwei Gefangenen aus Polen. Sie hießen Joseph und Maria. Als sie hörten, dass ich aus Luxemburg kam, waren sie sehr lieb zu mir. Mir wurde jedoch verboten mit diesen Menschen zu reden. Wenn die Luft rein war, sprach ich dennoch mit ihnen. Ich erfuhr, dass sie eine kleine Tochter hatten und sie zeigten mir auch ein Photo von ihr. Ich hatte großes Mitleid mit ihnen.

Im Lager wurde es verboten, für diese Menschen zu nähen. Meine Meisterin wusste, dass ich gut nähen konnte. Jeden Morgen stellte sie mir einen großen Korb hin mit Kleidern, die geflickt werden mussten. Ich bemerkte, dass auch eine Jacke von Joseph dabei war. Frau Steinhauer konnte es einfach nicht mit ansehen, dass die Polen in zerrissenen Kleidern herumliefen.

Während Frau Steinhauer in der kleinen Gastwirtschaft ihrer Mutter weilte, kam die Führerin zur Kontrolle. Ich sah sie gerade noch im letzten Moment durch das Glasfenster der Küchentür und bekam einen Schreck, denn ich hatte gerade die Jacke von Joseph auf der Maschine um neue Manschetten dran zu nähen. Schnell riss ich das verräterische Ding heraus – fast wäre mir dabei die Nadel gebrochen – und schmiss es hinter mich in die Ecke. Dann nahm ich schnell ein anderes Kleidungsstück und nähte wild darauf los. Wie leicht hätte ich erwischt werden können, denn auf der Jacke standen groß der Buchstabe P! Dann hätte ich Bunker bekommen und wäre niemals mehr Arbeitsmaid geworden.

Als die Führerin eintrat, fragte sie mich, ob alles in Ordnung wäre und ob ich auch zufrieden sei. Ich antwortete ihr mit heller und fröhlicher Stimme: „Hier sind alle sehr nett, und ich bin sehr zufrieden.“

Da kam auch Frau Steinhauer herein. Sie sah mich an und hatte Mühe ihren Schreck zu verbergen. Sie wusste ja, dass ich verbotenes Zeug im Korb hatte. Die Führerin fragte: „Sind sie zufrieden mit ihrer Maid?“ „Ja, ganz und gar zufrieden!“ Sie war sehr froh, dass ich sie nicht verraten hatte.

Morgens nähte ich und mittags fuhr ich mit auf die Äcker. Sie waren riesig, so groß, dass man von der Mitte aus nicht bis ans Ende sehen konnte. Im Stall brauchte ich nicht zu arbeiten. Ich brauchte auch nicht zu waschen.

Sie hatten sehr viele Kirschen im Obstgarten, das erinnerte mich an Senningen. Diese Kirschen lockten mich und Maria. Wir schauten zuerst, ob die Luft rein war, und dann pflückten wir schnell und aßen so viel wir konnten. Als Frau Steinhauer auftauchte, sagte sie kein Wort. Wir waren froh und dachten, sie hätte nichts bemerkt.

Auf unserem Weg kamen wir an einer sauberen Quelle vorbei. Frau Steinhauer setzte sich auf die Knie und trank nach Herzenslust. Wir verschmachteten fast vor Durst, aber wir tranken nichts. Auf einmal sagte unsere Meisterin: „Gell, ihr beide traut euch nicht zu trinken, ihr habt wohl zu viel von meinen guten Kirschen gegessen.“ Wir gaben darauf lieber keine Antwort und arbeiteten weiter auf dem Acker.

Frau Steinhauer behielt uns stets im Auge. Trotz ihrer Strenge war sie freundlich und es gefiel mir dort. Ich hatte auch Glück, denn ich durfte zweimal sieben Wochen an dieser Stelle sein. Das war einmalig, und ich erfuhr erst später wie das möglich war.

Als wir die Stelle wechseln sollten, sagte sie zu mir: „Ich sage Ihnen nur „auf Wiedersehen“.“ Das kam mir seltsam vor, und ich war auch ein wenig enttäuscht, denn ich dachte: „Du hast doch soviel gearbeitet, andere bekommen einen Kaffee zum Abschied, und du bekommst nichts.“

Wir standen auf dem großen Platz, wo die Fahne immer hochgezogen wurde. Eine nach der anderen wurde aufgerufen. Zum Schluss stand nur noch ich ganz allein da. Ich ging zum „Führerbüro“ und fragte: „Wo schicken Sie mich denn hin?“ Da sagte die Hauptführerin, Fräulein Gatzweiler: „Sie haben Schwein gehabt, sie dürfen zu ihrer alten Stelle zurückkehren!“

Sie mussten es so heimlich machen, weil andere auch gern dort geblieben wären. Jetzt hatte ich keine Angst mehr. Überglücklich landete ich wieder dort. Ich lief auf das Feld, Frau Steinhauer winkte mir schon von ferne. Sie umarmte mich: „Was dachten Sie? Ohne Abschied hätte ich Sie doch nie gehen lassen. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, dass ich, als ich Ihnen die Hand gab, das Wort „Auf Wiedersehen“ ganz eindrücklich betont habe?“

So war ich 14 Wochen auf dieser Stelle. Als ich weg ging, bedankte ich mich. Frau Steinhauer bedankte sich auch und versicherte mir, dass sie niemand anders hätte finden können, der so gut nähen konnte wie ich.

Nach dem Krieg war ich noch zweimal in Wollstein auf Besuch. Sie bereiteten mir und meiner Familie einen herzlichen Empfang. Die Steinhauers kamen auch mehrmals in unser schönes Luxemburg, wo sie sich immer sehr wohl fühlten.

Bei meinem letzten Besuch stand vom Lager nur mehr eine Baracke. Ich erinnere mich, dass sie uns dort immer die Post austeilten. Ich bekam fast täglich Briefe und auch öfters Pakete, aber wenn eine bestimmte Führerin vom Dienst die Post verteilte, gab es nie etwas für mich. „Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!“, überlegte ich. „Unterschlägt sie meine Post?“ Jedenfalls wollte ich der Sache auf den Grund gehen, und als beim nächsten Mal die Post ausgeteilt wurde und ich wieder leer ausging, blieb ich einfach stehen und wartete. Das passte der Führerin gar nicht, und sie sagte zu mir: „Gehen Sie doch, Fräulein ‚Peure‘!“ (sie konnte meinen französischen Namen nämlich nicht gut aussprechen). Ich entgegnete: „Ich gehe erst, wenn Sie mir meine Post gegeben haben.“ Kurzerhand ging ich einfach hin und nahm mir meine Post selber. Die Führerin stand da und wusste nichts mehr zu sagen.

Ich rief meine Kameraden und sie halfen mir. Sie freuten sich immer, wenn ich Pakete erhielt, denn ich teilte alles mit ihnen. Diesmal aber hatten wir keine Freude, denn als wir das Paket öffneten, war der ganze Inhalt verfault und wir mussten alles auf den Komposthaufen werfen. Alle weinten.

Danach schrieb ich meiner Mutter und bat sie, mir kein Obst mehr zu schicken. In ihrem Rückschreiben erfuhr ich, dass Herr Wenandy vom Schloss das Obst extra noch grün gepflückt hatte, damit es bei der Ankunft frisch und reif sein sollte. Das machte mich noch misstrauischer. Ich untersuchte den Poststempel und hatte nun den Beweis: Das Paket hatte schon 8 Tage lang im Lager gelegen! Das war zu viel! Ich zog den Gong und meldete der Hauptführerin was passiert war. Die Führerin bekam eine gute Lektion erteilt und der Vorfall ereignete sich nicht mehr, aber nun konnte sie mich überhaupt nicht mehr leiden.

Aus Rache spielte ich ihr einen Streich. lm Führerbau musste ich eines Tages die Treppe putzen. Da kam eine Spitzmaus gelaufen… das war die Gelegenheit! Sie hatte nämlich furchtbare Angst vor Mäusen. Schnell kippte ich die umgedrehte Kehrichtschaufel über die Maus. Ich nahm den Lappen und putzte weiter. Gleich darauf kam die Führerin zu mir und schimpfte: „So eine Schlamperei! Wenn Sie Sachen auf der Stiege liegen lassen, kann man sich ja ein Bein brechen!“ Dann stieg sie hinauf um das Beweisstück zu holen. Sie hob die Schaufel auf und … pardauz, sprang ihr die Maus mitten ins Gesicht!

Wir lachten noch lange in der Bude über sie, denn niemand konnte sie leiden. Wir hatten auch ein Gedicht über sie geschrieben:

FVD Führerin vom Dienst,

du bist der Schrecken aller Buden.

Wenn ich dich kommen seh‘,

rutscht mir das Herz in meinen Hosenboden…“

Bertha Poiré in ihrer Arbeitsdienstuniform

Bertha Poiré in ihrer Arbeitsdienstuniform

 

Im Kriegsdienst

Vom Reichsarbeitsdienst kam ich nach Metz in eine Rüstungsfabrik, wo 3000 Menschen arbeiteten. Es waren die HOBUSWERKE, ein Riesenbetrieb, in dem auch viele Frauen beschäftigt waren. Wir arbeiteten in einer Halle, wo Schrauben für Flugzeuge hergestellt wurden. Russische Frauen bedienten die Maschinen und wir kontrollierten das Material. Wir bekamen dazu allerhand Maßstäbe, die wir genau einzuhalten hatten: „Scharfe Riefen, zu dick, zu dünn, zu glatt, zu lang.“

Alles was wir kontrollierten, mussten wir mit unserem Namen unterzeichnen. Man verlangte höchste Genauigkeit von uns. Oh weh, hätten wir Schrott fabriziert, hätte man uns als Saboteure gegen die Wand gestellt, vor allem mich als Luxemburgerin.

In der Zwischenzeit hatten wir uns gut eingelebt. Wir wohnten nicht mehr wie früher in einer Holzbaracke, sondern in einem Steinbau. Eines Tages kam der Vorarbeiter und schritt durch die Reihen der Kriegsdienstler, 110 an der Zahl. Offenbar fragte er etwas und ich sah, dass sie alle nacheinander verneinend den Kopf schüttelten. Als er die letzte Reihe erreicht hatte, hörte auch ich was er wollte: „Wer von euch hat schon gebügelt?“

„So eine Chance bekommst du kein zweites Mal!“, sagte ich mir und so meldete ich mich sofort. Ich hatte in der Haushaltsschule vorzüglich Nähen und Bügeln gelernt und konnte mir das ruhig zutrauen.

Der Vorarbeiter war sichtlich froh, dass er jemanden gefunden hatte, ich war es jedoch nicht minder, denn nun war ich endlich diese Stelle, in der soviel Lärm herrschte, los. Leid tat mir nur, dass ich das liebe Mädchen aus Lothringen verlassen musste. Mit ihr hatte ich ein Jahr lang zusammen Schrauben kontrolliert und wir waren dicke Freundinnen geworden.

An meiner neuen Stelle wurde ich von einer Frau namens Ehlich freundlich empfangen. Eines der Mädchen, die hier im Dienst waren, hieß Jeanne Berger und kam aus Metz. Als sie hörte, dass ich Luxemburgerin sei, war sie sehr glücklich. Eine andere, Irmel genannt, kannte ich schon, denn sie war mit mir zusammen im Schlafzimmer. Sie war bekannt als ein richtiger „Hitler“.

Es war hauptsächlich Flickarbeit, die wir hier verrichteten: die Schürzen der Vorarbeiter aus der Fabrik mussten ausgebessert werden und jede Menge Betttücher. Immer, wenn wir samstags genug abgeliefert hatten, durften Irmel und ich am Sonntag nach Hause fahren. Wir fuhren dann immer zusammen, denn Irmels Reise ging über Luxemburg. Von Irmel waren wir bald enttäuscht. Obwohl das Mädchen aus einer Winzerfamilie an der Mosel kam, hat sie uns nie eine Flasche Wein mitgebracht. Deshalb teilte ich auch nie mit ihr, wenn ich ein Paket bekam, und das geschah ziemlich oft. Jeanne und ich gingen dann zur Terrasse, wo wir mit bestem Appetit die Leckerbissen von daheim verspeisten. Irmel durfte indes zur Kantine gehen, wo es immer Pellkartoffeln, rohen Kohl und Wasserpudding gab. Sie meckerte auch immer, wenn wir französisch sprachen und drohte, uns bei der Führerin anzuzeigen. Aber die war uns gut gesinnt, denn sie kam aus Tirol, und es wohnte noch ein Mädchen aus Innsbruck bei uns im Zimmer. So kam die Führerin des öfteren zu uns und lehrte uns auch das Jodeln. Ich lernte es sehr schnell.

Eines Tages, Jeanne und ich saßen gerade auf der Terrasse, kam ein offener Wagen mit Soldaten. Einige hatten Gewehre in Bereitschaft, offenbar ein Gefangenentransport. Auf einmal schrie Jeanne: „Mais c’est mon frère!“, und lief laut weinend ins Bügelzimmer. Ich hatte alles mitbekommen und lief zu ihr: „Was hast du da eben gesagt?“ „Nichts!“, antwortete sie, denn sie wusste damals noch nicht ob sie mir trauen könnte. Ich sagte nur: „Jeanne, ich habe alles verstanden, du hast eben deinen Bruder gesehen.“ Sie nickte nur und dann weinten wir zusammen.

„Kannst du mir keine Zigaretten besorgen?“ fragte sie mich. Ich antwortete: „Doch, das geht in Ordnung.“ Meine Mutter arbeitete nämlich in einer Gaststätte, und dort bekam sie so viele Zigaretten wie sie wollte. Jeanne freute sich sehr! Als das Paket ankam, gingen wir zusammen ins Gefangenenlager. Wir hatten auch Brot. Dem Wachsoldaten schenkten wir immer ein Paket Zigaretten, daher konnte er uns gut leiden, und Jeanne durfte ihren Bruder besuchen, so oft sie wollte. Ich wartete dann immer draußen und dachte an meinen eigenen Bruder.

Kriegsschicksal

Wo er wohl sein mochte? Er war, wie so viele junge Luxemburger, zwangsrekrutiert worden und kämpfte in Russland, zuletzt an der Krim. Wo sich sein Bataillon gerade aufhielt, war immer streng geheim. Es war ihm daher verboten, uns seinen Standort mitzuteilen. Er erfand aber einen Trick und schrieb in seinen Briefen verschiedene Buchstaben groß. Wenn meine Mutter sie dann zusammensetzte, ergab es den Namen der Ortschaft oder der Gegend, wo er gerade stationiert war.

Mein Bruder war bei den Funkern. Einmal hielt er zusammen mit einem Deutschen Wache, da knallte es plötzlich und der deutsche Kamerad neben ihm brach zusammen. Eine Kugel hatte ihn direkt in den Kopf getroffen. Mein Bruder kam mit dem Leben davon, erlitt aber einen schweren Schock, von dem er sich nur langsam erholte. Seine Beine waren voller Granatsplitter. Gott sei Dank konnte er noch schnell ins Lazarett funken, um den Unfall zu melden. Unmittelbar darauf erkrankte er an Gelbsucht – Folge seines schweren Schocks. Die Splitter im Bein wurde er sein ganzes Leben nicht mehr los und sie machten ihm große Beschwerden. Er war deshalb oft in der Klinik, aber kein Arzt konnte ihm helfen, denn sie wanderten ständig hin und her.

Als mein Bruder in Genesungsurlaub kam, durfte ich auch nach Hause. Es dachte noch niemand daran, dass er nicht mehr in den Krieg zurückkehren würde. Er wusste, wenn er desertierte, würde es meiner Mutter und mir schlecht ergehen. Deshalb sagte er zuerst auch zu unserer Mutter: „Ich kehre zur Truppe zurück, sonst wirst du mit Bertha umgesiedelt.“ Doch wir bestanden darauf: „Geh auf keinen Fall mehr zurück! François meint es doch gut mit uns, der wird dich sicher verstecken.“

Und so geschah es, François vom Schloss versteckte ihn. Mein Bruder verschaffte sich einen falschen Pass mit dem Namen Müller, ließ sich einen Bart wachsen und trug dazu eine einfache Brille. Ich erinnere mich noch, wie er vor der Tür stand und weinte. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er fortging. Wir schauten ihm so lange nach, bis wir ihn nicht mehr sehen konnten. Seine Uniform und seine Flinte ließ er zu Hause, und mit gutem Grund. Es war sehr hilfreich für meine Mutter, denn ihr Bruder war Förster und begegnete fast jeden Tag den Nazis in ihrer gelben Uniform. So meldete er gleich, mein Bruder sei plötzlich verschwunden, die Flinte und die Uniform lagen zwar zu Hause, aber keiner wisse, wo er sei.

So einfach ließen sich die Nazis aber nicht abspeisen, vor allem, da jemand, der es mit den Deutschen hielt, behauptete, er sei im Haus versteckt. Ein Kesseltreiben setzte ein, das sechs Wochen lang dauerte. Jeden Morgen um punkt 6 Uhr klopfte es an der Haustür. „Ihr Sohn ist im Haus!“ hieß es. Man kann sich vorstellen, wie es meiner Mutter zumute war. Das ganze Haus wurde immer wieder durchsucht und einer stieg dem andern auf die Schulter, um auch auf den Speicher zu kommen. Aber alle Mühe war umsonst.

Jemand hatte meiner Mutter den Rat gegeben, immer dasselbe zu antworten. Sie hat sich daran gehalten und behauptete immer wieder, sie wisse von nichts, nein wirklich, von gar nichts. Nur das eine habe ihr der Sohn gesagt: er wolle zu einem Mädchen nach Luxemburg gehen. Seither habe sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Und dabei blieb sie.

In den neun Monaten, während denen mein Bruder untergetaucht war, wechselte er zwölfmal das Versteck. Stets war die Gestapo hinter ihm her und man kann sich vorstellen, was er und François mitgemacht haben. Er hatte ein Funkgerät. Wenn er es nicht mehr aushielt, konnte François ihn überall erreichen, selbst im Ösling.

Ich hatte eine schöne geweihte Glocke von einer Frau, die in Lourdes geheilt wurde, bekommen. Die schenkte ich meinem Bruder und er trug sie immer bei sich, genauso wie den Rosenkranz, den meine Mutter ihm zum Abschied gegeben hatte. Gott sei Dank kam er wieder nach Hause, wenn auch mit geflickten Hosen. Aber den Rosenkranz und die Glocke brachte er unversehrt wieder.

Heimkehr und schwere Krankheit

Als mein Bruder kam, waren die Amerikaner schon da. Er arbeitete als Frisör und hatte viele Kunden unter ihnen. In unserer großen Stube saßen wir alle beisammen. Es war immer sehr gemütlich und sie haben auch Weihnachten mit uns gefeiert.

Während dieser Zeit war ich schwer krank und lag drei Wochen in Metz in der Krankenstube. Ich hatte Diphterie und wollte aber unbedingt heim. So schüttelte ich das Thermometer heimlich herunter. In Metz nahm ich um 5 Uhr morgens den Zug, die Kleider schickte ich mit der Post heim. Als ich ankam, war ich todkrank. In der Nacht kamen zwei Ärzte, denn ich hatte eine schwere Mittelohrentzündung und solche Schmerzen, dass ich das „Diwwi“ durchbiss. Der Knochen war bereits angegriffen. Ich musste zu einem Spezialisten nach Luxemburg, es fuhr aber so früh noch kein Zug. Also fragte meine Mutter einen Bauern, der seine Milchkannen in Luxemburg absetzte, ob er mich mit zum Arzt nehmen könne. So saß ich oben auf den Milchkannen, das war kein besonders bequemes Taxi, vor allem weil es regnete! Der Arzt musste das Ohr 14-mal ausspülen. Es ist dennoch gut geheilt und ich höre noch heute sehr gut.

Strafe und Vergeltung

Als wir nach dem Krieg wieder zu Hause waren, hatte sich das Blatt gewendet! Mein Bruder war bei der Miliz und ich erlebte, wie sie die Deutschgesinnten ausfindig machten und bestraften. Vor unserm Haus stand eine ganze Reihe. Sie bekamen alle Gefängnis. Einer wurde gezwungen, seine Uniform anzuziehen, ein anderer hatte das Hitlerbild auf dem Rücken, wieder einem anderen gaben sie eine rostige Säge, da bekannt war, dass er faul war und nicht gerne arbeitete. Sie sagten: „Im Gefängnis wirst du Zeit haben, um die Säge wieder scharf zu machen.“ Alle wurden gezwungen barfuss nach Niederanven zu gehen und unterwegs mussten sie singen „Deutschland unter alles“…

So hatte auch ich den Text immer gesungen, wenn ich hinter der deutschen Fahne hermarschieren musste. Nur gut, dass niemand es damals mitbekam.

Neue Berufswege

Als ich wieder gesund war, machte ich meinen Plan wahr und ging privat arbeiten. Zu meinen wichtigsten Kunden zählten damals Herr Reckinger, Direktor der Bank „EIsass Lothringen“, das Café Beggen und der Direktor der „CECA“.

Eines Tages aber kam mein Vetter mit einer Neuigkeit zu mir: „Louis Hemmer (das war der erste Pilot in Luxemburg!) macht eine Wäscherei auf, ich habe dich empfohlen.“ So stellte ich mich vor und wurde gleich angenommen. Gleichzeitig mit der Wäscherei entstand auch der erste „Wäsche-Selfservice“, der über zehn Waschmaschinen, amerikanisches Modell, verfügte. So kam es, dass ich eines Tages einen Test bei den Amerikanern machen musste, den ich natürlich sehr gut bestand.

Die Geschäfte gingen bestens. Ein Teil der Leute ließ ihre Wäsche bei uns waschen und bügeln, ein anderer wieder kam in die „Selfservice-Wäscherei“ um die Wäsche selber zu machen. Wenn es schön war, warteten die Kunden draußen im Garten, bis die Maschine fertig war. Auch feine Damen waren dabei, die ihre Zierschürzen brachten. Ich sah, wie sie sie aus der Wringmaschine nahmen und damit nach Hause gingen. Manche ließen sie gleich bei uns bügeln.

Neben der Arbeit in der Wäscherei fuhr ich mit meinem Chef auf den „Tour“. Das bedeutete die Wäsche bei den Kunden abholen und abliefern, ein sehr wertvoller Service in einer Zeit, wo Autos noch ein Luxus waren. Die Arbeit wuchs und bald konnte ich nicht mehr beim Tour mitfahren. Das bedauerte ich, denn bei dieser Gelegenheit war immer viel Trinkgeld herausgesprungen. Auch mein Chef hatte keine Zeit mehr für den Tour, da er sich noch als Pilot und Fluglehrer betätigte. So musste der Betrieb einen Chauffeur einstellen. Außerdem arbeiteten dort ein Heizer und zwei Mädchen, die die Tisch- und Leintücher mit der Mangel plätteten. Nach einiger Zeit wurde noch eine verheiratete Frau eingestellt, die keine berufliche Erfahrung hatte, und ich sollte sie anweisen. Wir wurden zu einem Test nach unten ins Büro gebeten und Frau Hemmer beobachtete uns. Ich gab ihr Anweisungen, aber als das Hemd fertig war, passte es nicht in die Tüte. Mein Meister kam zufällig ins Zimmer, sah das verpfuschte Hemd und schimpfte: „EIsi, schau dir das einmal an, so ein Hemd hatte ich noch nie in meinem Schrank!“ Die Frau musste noch drei weitere Hemden bügeln, bis es einigermaßen klappte. Als wir die Prozedur hinter uns hatten, waren wir beide sehr erleichtert.

Der Betrieb verbesserte sich zusehends. Wir bekamen eine neue Presse mit „Plateau“. An dieser Einrichtung war eine Uhr mit einer Messskala angebracht, die anzeigte, wenn die Hitze zu stark wurde. Wenn man nicht aufpasste und der Zähler über 10 stieg, wurden die Hemden gelb. Gott sei Dank habe ich nie etwas verbrannt, darüber war ich immer sehr froh. Dank der neuen Methode war es uns möglich, 14 Hemden in der Stunde zu bügeln. Die Presse musste mit dem Fuß betätigt werden, indem man eine schwere Platte nach unten drückte. Das war schon eine gewaltige Verbesserung, aber noch immer sehr anstrengend.

Eine neue Familie

Mit 28 Jahren lernte ich einen Mann kennen und wir heirateten bald. Es war eine wunderschöne Hochzeit, ein Fest das zwei Tage lang dauerte. Da mein Vater tot war, führte mein Pate Charles Poiré mich in die Kirche. Es sind schöne Erinnerungen, die ich niemals missen möchte.

Vorübergehend wohnten wir in Senningen im Haus meiner Mutter. Nach einem Jahr, als unser Sohn Romain geboren wurde, zogen wir um nach Moesdorf bei Mersch.

Mein Mann arbeitete in Dommeldingen auf der Schmelz, in der Kupfergießerei. Wir hatten ein schönes Einkommen. Nach der Primärschule musste unser Sohn Romain in die „Boulette“ nach Luxemburg, weil damals noch kein Bus von Moesdorf nach Mersch fuhr. Er studierte 4 Jahre am Athenäum. Dann machte er die Meisterprüfung im „Luxemburger Wort“ und bekam den ersten Preis.

Arzt und Freund

Wie menschlich und gewissenhaft mein früherer Arbeitgeber, Dr. Worré, uns behandelt hat, will ich hier noch beschreiben.

Im Dorf wurde ein Kanal gegraben. Meine Mutter stand auf der Treppe, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Schacht. Als ich die Nachricht bekam, fuhr ich gleich mit dem Taxi zu ihr. Ach Gott, was mich da erwartete, war nicht schön. Die Nachbarn und meine Tante hatten sie aufgehoben und ins Bett gelegt. Alle waren nun um ihr Bett versammelt.

Das war sicher gut gemeint, aber sehr gefährlich, denn eine so schwer Verletzte sollte man überhaupt nicht bewegen. Ich rief gleich Dr. Worré, der sofort mit der Ambulanz kam. Meine Mutter erkannte niemanden mehr und jammerte nur noch vor Schmerzen.

In der Klinik wurde sie geröntgt. Später vertraute der Arzt mir an, dass sie eine schwere Genickverletzung hatte und ihr Leben nur noch an einem Faden hing. Jeden Tag fuhr ich zu ihr, aber erst nach einer Woche erkannte sie mich wieder. Dr. Worré machte jeden Tag eine Visite. Nach neun Wochen war sie wieder soweit hergestellt, dass ich sie mit nach Hause nehmen konnte. Der Arzt sagte zu mir: „Du hast noch eine Mutter vom alten Schlag.“ Als ich nach der Rechnung fragte, antwortete er: „Schau her, hier ist die Rechnung.“ Und dann zerriss er das Blatt und warf es in den Abfalleimer. Wir haben Dr. Worré vieles zu verdanken.