Die Plakate der Nationallotterie

Am Pariser Platz stand in den 50er Jahren eine Litfaßsäule, an die die verschiedensten Plakate geklebt wurden. Manchmal fuhr hier ein kleiner Lieferwagen vor, oft mit nur drei Rädern, zwei Arbeiter sprangen heraus und packten in Windeseile einen Eimer Leim, eine große Bürste und einige Papierbahnen aus. Sie schmatzten den Leim auf die Säule und die Rückseite ihres Plakates, das sie an die Säule warfen und mit einer anderen Bürste gleichstrichen. Ich bewunderte immer wieder, wie glatt sie dies bewerkstelligten und gestand mir jedes Mal ein, dass mein Blatt voller Falten gewesen wäre.

Am meisten beeindruckten mich die Plakate der Nationallotterie. Die Farben waren klar, ohne viele Schattierungen, die Zeichnungen auf ein Minimum reduziert oder einfach Tuschestriche auf einfarbigem Hintergrund. Die Themen suchte man „quer durch den Garten“. Da sah man Blumen, Burgen, eine Tänzerin, einen Fischer oder einen Zug. Einmal waren auch die Glücksräder in wenigen Strichen skizziert und schienen doch so lebendig. Als Unterschrift las ich in einer Ecke Pe’l Schlechter, Le‘ Tanson oder P. Weyer.

Plakat von Pe’l Schlechter, 1955

Diese Art des Zeichnens interessierte mich so sehr, weil sie sich von dem unterschied, was wir in der Schule lernten. Hier mussten wir Gegenstände anschauen, sie möglichst genau wiedergeben und Licht und Schatten eintragen. Dann wieder wurden sie verschoben und wir hatten auf die Perspektive zu achten. Die Plakatzeichner aber konnten scheinbar hierauf verzichten und hatten ganz besondere Resultate vorzuweisen.

Da ich stets leidenschaftlich gern zeichnete und auch Licht und Schatten mit Freude beobachtete, fragte ich dennoch meine Zeichenlehrerin nach der Technik. Ich versuchte, Gegenstände in meiner Umgebung mit sparsamen Strichen wiederzugeben, doch ohne den erhofften Erfolg. Frl. Gloden erklärte mir, dies sei eine besondere Kunstgattung, Werbezeichnung genannt, oder auch Karikatur. In diesem Fall muss man genau hinsehen und herausfinden, welche Linien am charakteristischsten oder auch am komischsten sind. Die muss man dann mit einem gezielten Strich oder einer schwungvollen Linie hinkriegen. Dazu muss man viel üben und alle Regeln der Kunst kennen. Ich durfte mit Kohle versuchen und merkte, dass nicht nur Maler, sondern auch Zeichner wirkliche Künstler sind. Meine Mutter meinte, ich sollte lieber rechnen, denn ein Kunststudium käme nicht in Frage. Mit der Zeit kehrte ich auch brav zu den Licht- und Schattenübungen zurück und hatte stets einen Zeichenblock nebst Bleistift und Knetgummi in der Schublade meines Schreibtischs. Irgendwie war das dann doch interessanter.

Die Lotterie-Plakate aber hingen weiter an den Litfaßsäulen und in Schaufenstern. Sie gaben der Stadt einen fröhlichen Farbtupfer.

Nach der monatlichen Ziehung wurden die Gewinnzahlen im Radio verlesen und in der Zeitung bekannt gegeben. Lose konnte man beim Briefträger kaufen oder bei speziellen Verkäufern, etwa in der Bahnhofshalle, aber auch in Zeitungskiosken und in den TAF-Läden, die Zigarren, Zigaretten, Zeitungen und sonstigen Kleinkram vertrieben. Da der Erlös für die „Pupilles de la Nation“ bestimmt war, und der ganze Lotteriebetrieb etwas Amüsantes und für die Zeit Besonderes war, kauften viele Leute Lose, in der Hoffnung auf den großen Gewinn.

Großvater kaufte jeden Monat zwei Lose, die dann in der Schranknische lagen, bis die Gewinne veröffentlicht wurden. Einmal kam er aus der Stadt und legte mehrere Lose auf den Tisch. Großmutter meinte: „Nun ja, sie sind für die Waisenkinder. Denn sonst bräuchten wir keine, da wir ja nie etwas gewinnen. Aber weshalb hast du denn jetzt so viele genommen? Auch das nützt nichts.“ Großvater rechtfertigte sich: „Der Verkäufer im Bahnhof erhält auch einen Prozentsatz pro verkauftem Los. Sein Platz an der Tür ist so zugig und er trug einen so schäbigen Mantel.“

Ich fragte mich, wie ich einen solchen Mantel für ein Plakat gezeichnet hätte.

De Pe’l Schlechter huet den 20. Abrëll 100 Joer kritt. Mir gratuléieren.