Auch ich war mal ein Flüchtling!

Im Januar 1940 war ich mit meiner Familie von Livange nach Esch/Alzette umgezogen. Mein Vater arbeitete auf der Schmelz und wollte näher an seinem Arbeitsplatz sein. Damals ahnten wir noch nicht, welche folgenschweren Konsequenzen dieser Umzug für uns haben sollte.

Die Flucht

Den 10. Mai 1940 werde ich nie vergessen.

Auf dem Victor Hugo Platz in Esch standen bereits die Buden, am Sonntag sollte Kirmes sein. Sogar wir Kinder hatten inzwischen verstanden, dass es Krieg geben wird. Wir hatten jüdische Nachbarn und die waren vor einem Monat schon nach Amerika geflüchtet. Vor der Abreise hatte die Frau zu meiner Mutter gesagt: „Bitte, passen Sie auf unsere Wohnung auf.“

1940, kurz vor Einmarsch der deutschen Truppen, feierte ich in Esch meine erste Kommunion

1940, kurz vor Einmarsch der deutschen Truppen, feierte ich in Esch meine erste Kommunion

Und nun war es so weit. Die Preisen fielen in unser Land ein. Unsere Mutter sagte zu unserem Vater: „Wer weiß, ob wir noch lange Lebensmittel bekommen können, ich gehe schnell noch kaufen, was ich kann.“ Kaum war sie fort, kam unsere Hausmeisterin: „Die Preisen sind auf dem Gaalgebierg, wir müssen sofort nach Frankreich flüchten.“ Mein Bruder, 12 Jahre alt, und ich, 8 Jahre, liefen unserer Mutter hinterher. Diese kam aber schon zurück, da sie die Neuigkeit auch gehört hatte. Sie legte das gekaufte Fleisch noch auf einen Teller, es gab ja keinen Tiefkühler, und dann nichts wie weg.

Auf der Straße Richtung französische Grenze trafen tausende Menschen zusammen, alle gingen wir in dieselbe Richtung, ohne recht zu wissen wohin. Es ging immer nur weiter, bis zum Abend. Mutter schaute manchmal besorgt zu uns Kindern und hoffte, dass wir durchhalten mögen. Trotz der vielen Leute war es ruhig, stumm ging man nebeneinander her. Plötzlich hörten wir von weitem eine Stimme, die Befehle gab: „Geht schneller, damit wir hinter die Maginot-Linie kommen. Dort sind französische Soldaten, die schießen auf den Gaalgebierg. Ihr braucht aber keine Angst zu haben, das geht alles über unsere Köpfe hinweg.“ Vater meinte: „Naja, und wenn die Preisen zurückschießen, dann geben wir ein gutes Ziel ab.“ Es hieß also, sich beeilen.

Manche Soldaten lagen kaum zwei Meter von uns Flüchtenden entfernt. Hinter einer langen Hecke lagen sie verteilt, die Gewehre auf die Hecke gestützt. Ich sah, wie der erste in der Reihe nach vorne schaute und angestrengt sein Ziel suchte.

Wir waren bereits viele Stunden unterwegs. Es war Nacht geworden und wir gingen immer weiter. Als es dämmerte hörten wir wieder denselben Mann: „Jetzt könnt ihr ausruhen.“ Wir waren in der Nähe eines Dorfes. Die Menschen verteilten sich, viele streckten sich auf einer Wiese aus. Wir aber ließen uns nieder, wo wir gerade standen, am Rand der Straße. Als wir ein wenig geruht hatten, meldete sich wieder die Stimme. Es sei ein Flugzeug gesichtet worden. Irgendwo fielen Schüsse und wir mussten weiter.

Als wir das nächste Mal eine Rast machten, sahen wir ein großes Gebäude, einen viereckigen Kasten, in dem Pferde untergebracht gewesen waren. Es lagen viele Pferdedecken herum und die Flüchtlinge bedienten sich. Auch mein Vater nahm zwei davon, sie sollten uns während des Krieges noch gute Dienste leisten zum Verdunkeln der Fenster.

Niemand fragte uns, ob wir Hunger oder Durst hatten. Es musste immer nur weitergehen. Wir kamen an einen Bahnsteig und hörten, dass ein Zug uns mitnehmen sollte. Alle atmeten erleichtert auf. Da sahen wir einen Viehtransporter einlaufen. Mein Vater sagte: „Alle da rein, drückt euch zusammen, damit alle mitkommen. Hee, ihr beiden, steht auf, es ist kein Platz zum Sitzen.“ Wir waren zusammengepfercht wie die Sardinen in einer Dose, aber wir fuhren. Dann verbreitete sich eine gute Nachricht: In Marcigny sei die halbe Stadt am Bahnhof und verteile Getränke. „Oh“, dachte ich, „dann trinke ich eine ganze Flasche Limonade auf einmal.“ Jetzt spürte ich den Durst, den Hunger musste man noch vergessen. Es kam wieder Leben in die Menschenmenge. Der Zug hielt, wir waren in Marcigny. Und wirklich, es waren viele fremde Menschen gekommen, um uns zu helfen.

Danach gingen wir vom Bahnhof zum Marktplatz der Stadt. Die Escher Bevölkerung stand dicht beieinander. Rund um den Platz sahen wir massenweise Lastwagen, die mit einer Nummer gekennzeichnet waren. Wir wurden mit Namen aufgerufen und einem Lastwagen zugeteilt. Doch dann kam die Nachricht durch den Lautsprecher: „Nur Frauen und Kinder, die Männer bleiben hier.“ Es gab einen großen Tumult und einige Frauen weigerten sich, einzusteigen. Auch unsere Mutter sagte zu unserem Vater: „Wenn du nicht mitkommst, dann gehen wir auch nicht.“ Doch unser Vater blieb ruhig: „Kommt, ich helfe euch hinauf, und wenn ihr fahrt, komme ich schon irgendwie mit.“ Und so war es: als der Lastwagen anfuhr, zogen sich vier, fünf Männer hinten hoch. Das gleiche geschah bei den anderen Lastern.

Aufenthalt

Wir kamen in ein Dorf, das Bourg-le-Comte hieß. Hier sollten wir drei Monate bleiben. Nur wenige verließen mit uns das Lastauto, die anderen fuhren weiter. Man begleitete uns zum Haus des Bürgermeisters, der uns herzlich willkommen hieß. In seiner guten Stube servierte man uns ein üppiges Mahl, an dem auch er teilnahm. Es war das erste richtige Essen in zwei Tagen. Dann wurden wir von unseren Gastfamilien abgeholt. Wir kamen, etwas außerhalb des Dorfes, auf den großen Bauernhof der Familie Jolie, die uns mit viel Liebe empfing. Ich erinnere mich noch gut an die Großmutter und auf dem Hof gab es noch einen Knecht und eine Magd. Das Haupthaus war so groß, dass wir unsere eigene Wohnung hatten. Gegenüber befanden sich die Ställe und Schuppen. Der Bauer besaß Wiesen, Felder und einen Wald.

Mein Bruder und ich mussten zur Schule und meine Mutter freute sich, der Bäuerin zur Hand zu gehen. Ich ging gerne zur Schule. Zwar konnte ich noch kein Französisch und die Kinder mussten oft lachen, aber wir spielten in der Pause zusammen. Ich mochte Frau Jolie sehr, sie gab uns jeden Morgen zum Schulbrot ein Stück Schokolade dazu. Meine Lieblingsbeschäftigung auf dem Hof war Zuschauen. Ich sah der Großmutter zu, wie sie jeden Tag am Butterfass stand. Es gab immer frische Butter. Stundenlang stand ich da, denn so etwas kannte ich von zuhause nicht.

Mein Vater musste zur Arbeit auf eine Hütte in Roanne. Wenn er dann zurück war und gut gegessen hatte, freute er sich, mit dem Bauer in den Wald zu gehen. Einmal sagte er: „Diese Franzosen! Es geht immer eine Flasche Rotwein mit. Hier wird nicht nur hart gearbeitet, gemütlich arbeiten ist angesagt.“

Es wäre, wenn es so weiter gegangen wäre, zu schön gewesen. Dann kam aber der Befehl für einen neuen Aufenthalt. Das Dorf hieß Ouches. Einsam stand hier bei einer Wiese eine Baracke: nur ein Zimmer mit einem Bett, und die Baracke war schon mit 6 Personen belegt. Diese Familie hatte ein Kleinkind, das noch im Kinderwagen schlief. Die Matratze wurde vom Bett genommen, darauf schliefen nun die Männer auf dem Boden. Im Bett ohne Matratze schliefen die Frauen und ich. Wir Kinder durften nicht ins Dorf gehen, denn dort hasste man uns. „Sales boches“ also „dreckeg Preisen“ beschimpfte man uns. Der Vater musste das Brot kaufen, denn meine Mutter ignorierten sie.

Inzwischen war das Dorf von den deutschen Truppen, ohne Blutvergießen, besetzt worden.

Vor der Tür unserer Baracke stand ein großer, sehr alter, morscher Baum. Eines Nachts gab es ein furchtbares Gewitter, so etwas hatten wir noch nicht erlebt und wir hatten alle große Angst. Es wurde in die Wolken geschossen, damit diese auseinandergehen sollten. Es war eine schreckliche Nacht. Am nächsten Morgen sahen wir mit Schrecken, dass der Blitz den Baum getroffen hatte und dieser umgefallen war. Das Ungetüm lag direkt an der Mauer des Hauses, wäre es nur einen Meter weiter gefallen, wären wir alle tot gewesen. „Jetzt reicht’s“, sagte mein Vater, „wir gehen zurück nach Bourg-le-Comte“.

Sofort gingen wir los, müde, aber froh. Die Familie Jolie war glücklich, uns zu sehen. Wir blieben bei ihnen bis, nach drei Monaten in der Ferne, die Nachricht kam, dass wir nach Hause nach Luxemburg gehen konnten. Es war Zeit, Abschied zu nehmen, zwischen Menschen, die sich lieb gewonnen hatten. Wir taten es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Unsere Gastgeber waren nur traurig und weinten. Aber schwer fiel der Abschied uns allen.

Die Heimkehr

Die Heimkehr nach Luxemburg erfolgte mit der Eisenbahn. Es war eine lange Fahrt, bei der wir oft den Tod vor Augen hatten. Denn sämtliche Brücken waren gesprengt worden und Arbeiter waren dabei, das Allernötigste zu tun, damit die Züge passieren konnten. Doch es war mit unserem Leben gespielt. Sobald der Zug langsam wurde, wussten wir, dass es wieder eine Brücke zu überqueren galt. Zu Fuß wäre es schneller gegangen. Ich war damals als Kind schon sehr neugierig und musste unbedingt wissen, wie diese Brücke aussah. Ich drückte meine Augen ans Fenster, doch was ich sah gab mir eine Gänsehaut. Unter uns war gar nichts, es war als würden wir durch die Luft fahren! Nur ein großes Loch, so breit wie die Brücke, nicht ein Zentimeter Boden war unter den Schienen. Unten im Tal hatten die Arbeiter jeden Meter einen Stützbalken aufgestellt und diese mussten nun standhalten, denn über die Stützbalken waren die Eisenbahnschienen gelegt. Zwischen den Schienen war nichts, darauf aber lastete das schwere Gewicht des Zuges. Ich sah unten im Tal die Arbeiter stehen, sie schauten hoch und dachten sicherlich: „Hält es, oder hält es nicht?“ Wer hatte mehr Angst, sie unten oder wir oben? Die Menschen im Zug unterhielten sich, doch wenn eine Brücke nahte, dann wurde es still.

Doch auch diese schlimme Fahrt nahm ein Ende. Wir kamen in Esch/Alzette an. Die Männer, die in Marcigny zurückgeblieben waren, waren schon früher zuhause.

Bei uns in der Wohnung hatten die Maden Kirmes gehabt mit dem Fleisch, das meine Mutter am Tag der Flucht auf dem Teller gelassen hatte. Fremde hatten ein Kaffeekränzchen gehalten. Aber in der Wohnung unserer jüdischen Nachbarn sah es schrecklich aus. Alles was nicht zu gebrauchen war, lag zerstreut auf dem Boden, der Rest war gestohlen worden.

Nun ging das Leben weiter, allerdings hatte der Krieg erst seinen Anfang.