Entstehung des amerikanischen Militärfriedhofes bei Hamm

An einem Sonntagmorgen im Januar 1945, radelte ich zu früher Stunde, es dunkelte noch, nach Schaedhof, um eine Flasche Milch zu hamstern. Dort wirtschaftete ein Pächter polnischer Herkunft namens Witkowski. Als ich ankam, erzählte er eben seiner Frau, dass eine amerikanische Delegation auf dem Flurdreieck zwischen Flëppekräizbierg, Eisenbahnlinie und Schaedhof gewesen sei, weil dort ein Soldatenfriedhof vorgesehen sei. Eine wichtige Entscheidung, die den Bauer sehr betroffen machte, eine Mitteilung, die ihm zu groben Flüchen Anlass gab. Es war seine Art, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit fürchterlich zu fluchen. So erfuhr er, dass er sein bestes Ackerstück verlor, idyllisch gelegen, eingekeilt zwischen Buchenwäldern, mit fruchtbarer Erde, auf dem noch im letzten Herbst ergiebig Weizen geerntet worden war.

Bald waren auf dem großen, abgelegenen Landstück und im angrenzenden Buchenwald eine Menge Soldaten beschäftigt, wenig geschützt vor vorwitzigen Bubenblicken. In den nächsten Monaten herrschte hier im Militärgebiet reger Betrieb. Eine große Zeltplanhalle wurde am oberen Waldesrand errichtet. Wenn wir Fallholz im Schaedbësch sammelten, bemerkten wir einen süßlichen, ekeligen Geruch und sahen den Rauch einer Verbrennung. Bemerkenswert war der rege Verkehr über die Straße des Flëppekräizbiergs im Schaedbësch, wo am oberen Ende unaufhörlich GMC-Lastwagen durch das große Holztor mit dem weißen Schild: „US-Military Cemetery Hamm-Luxembourg“ mit gefallenen Soldaten unserer gefeierten Befreier einfuhren.

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Während längerer Zeit stationierten immer nachts in Hamm GMC-Militärlastwagen, die ein offenes Geheimnis verbargen: es waren Leichentransporte vom Kriegsschauplatz der mörderischen Ardennenoffensive im Winter 1944-45. Die Hammer Bevölkerung wurde so in diesen makabren Verkehrsreigen unversehens eingebunden.

Der Dirigent des Kirchenchores hatte als erster die Idee, zu Passionssonntag vor Ostern eine Gedenkfeier zu Ehren der gefallenen amerikanischen Soldaten zu veranstalten. Sie wurde von offizieller Seite genehmigt. Dem feierlichen Hochamt wohnten eine Kompagnie amerikanischer Soldaten – die in der Schule untergebracht waren und zum Beerdigungsstaff gehörten – in ihrem besseren Battledress bei.

Nach dem Hochamt – am unteren Ende des US-Friedhofes, wo kurz zuvor am Rand des jungen Buchenwäldchens ein großes Holzkreuz errichtet worden war – trafen sich bei trübem Märzwetter der Pfarrer Jaques Schmit, der Sängerchor Sainte-Cécile „La Hammoise“ und zahlreiche Dorfbewohner sowie eine Delegation Pfadfinder aus Luxemburg-Stadt auf dem nassen, aufgeweichten Feld. Der Pfarrer tat ein Segensgebet für die Toten. Ein Hammer Bürger und ein amerikanischer Offizier hielten Gedenkreden auf Englisch.

Je ein Blumenkranz wurde zwischen zwei Gesängen des Kirchenchores von zwei Hammer Zwangsrekrutierten und Pfadfindern im Namen der UNION, auf zwei der frisch aufgeworfenen, mit Holzkreuz versehenen Gräber niedergelegt. Eine Ehrenkompagnie amerikanischer Soldaten, die dort Totengräberdienste leistete war ebenfalls zugegen und salutierte mit einer Ehrensalve.

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Für den Rückweg nach Hamm – anstelle des nassen Feldweges beim Hinweg – bevorzugte das Volk den längeren, aber sauberen Weg über die Straße, denselben Weg in umgekehrter Richtung, den 12000 Tote zur letzten Ruhestätte genommen hatten.

Seither ist diese Gedenkfeier am Passionssonntag zur festen Hammertradition geworden, wobei der amerikanische Gesandte oder eine hohe US-Delegation auch immer teilnimmt.

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Mein Vater hat die Zeremonie im Bild festgehalten. Erfordert wäre eine Sondererlaubnis gewesen, da strenges Fotografierverbot auf dem Friedhofgelände bestand. So mischte sich bald die AA-Agency ein. Nach Einsicht der Aufnahmen, bekam schließlich mein Vater zugestanden, über die Fotos frei zu verfügen. Auch durfte er weiter Filme von amerikanischen Soldaten entwickeln. Manch grausige Bilder von verbrannten Leichen waren heimlich von den Totengräbern aufgenommen worden.

Über den Winter 1944 waren bereits früher dutzendweise GI’s spätabends auf dunklem Pfad über die Eisenbahngleise zu uns gekommen, um für 1 Dollar ein postkartengroßes Porträt in Uniform mit oder ohne Gewehr zu erhalten.

Im Winter 1944 kamen GIs zu uns um photographiert zu werden.

Im Winter 1944 kamen GIs zu uns um photographiert zu werden.

Für die Überreichung der Bildreportage über diese bescheidene, erste Gedenkfeier 1945, erhielt mein Vater ein Dankesschreiben vom amerikanischen Geschäftsführer George Platt Waller in Luxemburg (er war, bis zur Kriegserklärung Mitte 1941 Geschäftsträger amerikanischer Interessen in Luxemburg, wo meine Tante als Köchin in seinen Diensten gestanden hatte).

Fotos Ferdy Dumont