Winterfeste

Im Leben kleiner Kinder waren damals zwei Feste besonders wichtig: Weihnachten und Ostern. Auf Namenstage wurde man höchstens hingewiesen. Vielleicht erzählte ein Familienmitglied, der Lehrer oder Pfarrer eine Begebenheit aus dem Leben des heiligen Schutzpatrons und endete mit einer Ermahnung zum Bravsein. Von Geburtstagen ging kaum die Rede. Aber, wenn nach dem Allerheiligenfest – dem Fest aller Patrone – die Tage kurz waren und abends der Himmel glühte, stand fest, dass die Engel nun für den hl. Nikolaus und das Christkind zu backen anfingen. Bald sangen die Kinder in der Schule: „Léiwe Kleeschen, gudde Kleeschen …“, „ Nikolaus ist ein guter Mann“, „Am Uewe potert d’Feier“, „ Lustig, lustig trallera lala“. Ein Schleier freudiger Erwartung legte sich über das Land. Wir zählten die Tage und vor allem die Morgen, an denen wir bis zum großen Tage noch aufstehen mussten. Wir waren abends still und horchten in die Nacht hinaus, denn der Hoseker ging um. Vielleicht konnte man auch das Klappern der Hufe des Esels hören. Ihm gebührte absolut eine Ration Heu vor der Hintertür. Und es konnte durchaus sein, dass das Heu am Morgen verschwunden war und ein Plätzchen im bereitgestellten Schuh lag.

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D’Mariette Leuck an de 40er Joren

Am großen Tag selbst schlichen wir nach einer unendlichen Nacht in die Stube, die nun nach Lebkuchen duftete. Neben den Tellern lagen neue Farbstifte, ein Baukasten, vielleicht ein Püppchen zum Anziehen und manchmal ein Bilderbuch. Die Teller aus Großmutters guter Stube waren gefüllt mit Spekulatius, ein paar Schokoladenplätzchen, „Boxeknäpp“ und, oh Wunder, mit denselben Äpfeln und Nüssen, wie sie auch im Garten wuchsen. Wir hatten also eine Himmelswiese hinter dem Haus! Besser noch, die Engel konnten dieselben Törtchen backen wie Großmutter, Mutter und Tante. Manchmal hing an ihnen noch ein Engelshaar – oder war es aus dem Schwanz des Esels? Das Geheimnis wurde nie gelüftet. Es blieb einfach himmlisch.

Irgendwie gehörte Sankt Nikolaus zu Weihnachten. Denn es folgten nun die Tage, an denen der Himmel die Erde fast berührte, die Nächte unendlich lang waren und die ersten Schneeflocken in der Luft tanzten. Die Kinder in der Schule sangen nun am Freitagnachmittag: „Ihr Kinderlein kommet“, „Stille Nacht“, „Oh Tannenbaum“. Ganz besonders gefiel mir: „Ein Kind geboren zu Bethlehem, des freuet sich Jerusalem“. Denn Bethlehem und Jerusalem dufteten einfach nach fernen Horizonten und weiter, geheimnisvoller Welt. Bald ging ich auch mit Großvater in den Tannenwald. Wir sahen uns die kleinen Tannen an, und wenn es da ein Bäumchen gab, das die anderen rundherum zu ersticken drohten, war dies eine verfolgte kleine Tanne, die Christbaum werden musste. In den kommenden Tagen und Wochen besuchten wir sie, sahen, ob sie schön dunkelgrün war und vielleicht sogar kleine Zapfen hatte. Wir hoben Zapfen vom Boden auf, sahen, wo die Samen saßen oder ob ein Eichhörnchen daran geknabbert hatte. Doch dann musste ich sie wieder hinlegen, denn sie waren Nahrung für so manche Wildtiere. Am Tag vor Weihnachten nahm Großvater die Säge mit und ich half, das Christbäumchen nach Hause zu tragen. Über Nacht kam das Christkind und am Morgen stand das Bäumchen mit Kugeln und Ketten behangen auf dem Stubentisch. Darunter lagen wieder Äpfel und Nüsse, wie sie auch in unserem Garten wuchsen. Das Christkind hatte einen neuen Schal oder ein Nachthemd gebracht. Einmal aber traute ich meinen Augen kaum: da lagen zwei gelbe Gurken, über die ich laut lachte. Großvater aber sagte, dies seien keine Gurken, sondern Früchte aus einem fernen Land und sie hießen „Bananen“. Ich stellte mir nun vor, dass sie bestimmt in Bethlehem oder Jerusalem gepflückt worden waren, denn im Lied hieß es ja, dass das Kind dort geboren sei. Es brauchte sie also nur mitzubringen.

Ich wartete auch mit Spannung auf die Drei Könige, die Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten und von denen ich gehört hatte, sie seien über die Weihrauchstraße gekommen, aus einem Land, das Morgenland genannt wurde. Ein solcher Name war einfach zauberhaft, voller Licht, wie der Stern im Osten, dem sie gefolgt waren. Nun gab ich gut Acht, ob man auch merkte, dass die Tage morgens und abends um einen Hahnenschrei länger würden.

Das Christbäumchen aus dem Wald lag nicht traurig herum nachdem es seine Nadeln verloren hatte. Nein, die heiligen Drei Könige hatten es mitgenommen, weil es im Morgenland keine Tannenbäume gab und es deshalb für sie etwas ganz Besonderes war.