De roude Léiw

In den Nachkriegsjahren feierten wir „Kinneksgebuertsdag“ auch tatsächlich am Geburtstag von Großherzogin Charlotte, am 23. Januar. Die Atmosphäre war anders als heute. Es war kalt, die Tage hatten eben erst angefangen, länger zu werden, und wer abends zum Fackelzug wollte, musste sich warm anziehen. Eine gewisse Feierlichkeit lag in der Winterluft. Fernsehen gab es damals noch nicht, doch mein Vater machte Radio-Reportage. Dazu stand er mit zwei Technikern, einem Übertragungswagen und seinem Mikrofon an einer Straßenecke. Eines Tages nun sagte er, wir könnten uns alle den Fackelzug ansehen. Nicht weit von seinem Platz entfernt hatten Freunde ihm ein Fenster für seine Familie angeboten. Mein Schwesterchen war damals noch nicht da. So bestand die „Familie“ aus Mutter und mir, sowie der Tante, die uns besuchte.

Am Nachmittag wurde ich warm verpackt und ging mit Tante Susi spazieren. Erst nach Helfenterbrück, wo die Straße über die Eisenbahnstrecke führt. Hier sahen wir von weitem eine qualmende Lokomotive. Wir warteten und konnten dann von oben herab auf den Zug sehen. Es war ein langer, langer Güterzug. Ich konnte damals bis 10 zählen und musste immer wieder von vorn auf meinen Fingern anfangen, ein Wagen nach dem anderen … Der Zug transportierte Eisenstangen, Kohlenhaufen, Fässer, Kisten, … Hinten kam noch einmal eine Lokomotive, die anscheinend drücken musste, weil die erste nicht stark genug war. Zwei Männer winkten uns zu. Tante Susi sagte, dies seien Maschinist und Heizer.

Als der Zug verschwunden war, fuhren wir mit der Trambahn zur Stadt, um die Schaufenster zu sehen. Hier lächelte die Großherzogin zwischen roten und blauen Kochtöpfen, weißen Tassen und Krügen. Dort stand sie zusammen mit ihrem Mann, hatte einen Pelz um oder eine lange Perlenkette. Vor dem Porträt lag zwischen Büchern eine rot-weiß-blaue Fahne. Andere hatten dem Bild eine Schleife umgebunden und rot-weiß-blaue Narzissen aufgestellt. Ehrlich, mich befremdete das Ganze. Mir war kalt und ich freute mich, als ich in der Straßenbahn saß und nach Hause fuhr, wo ich noch etwas schlafen sollte und dann gut essen musste, weil am Abend ja Fackelzug war … Da würde ich nun einen besonderen Wagen mit dem roten Löwen sehen. Ein solches Tier aber konnte ich mir nicht vorstellen. Bei Spaziergängen mit Großvater im Wald hatte ich Kaninchen gesehen, von weitem ein Reh, ein Hase hoppelte im Feld. Wir sahen, wo die Wildschweine sich gewälzt hatten. Doch Löwen … In „Schmeils Tierkunde“ war die Tuschzeichnung eines Löwen in schwarz-weiß. Als ich einige Tiere, auch den Löwen, mit dem roten Korrigierstift ausgemalt hatte, bekam ich eine Rüge. Einmal hatte ein  Lehrer-Kollege Großvaters mir einen Schokoladenriegel mitgebracht. Darin lag das Bild eines Löwen, doch der war gelb, hatte einen großen Kopf, und ich begegnete ihm lieber nicht im Grünewald.

Ich blickte nun vom Fenster hinab auf die Straße – aber es kam kein Zug, sondern nur Blasmusik, geschmückte Lastwagen, Fackelträger fuhren oder marschierten vorbei. Auf meine Frage, wann denn der Zug komme, antwortete mir Mutter, auch ein solcher Vorbeimarsch sei ein „Zug“. Und dann kam er, der Rote Löwe. Unten ging ein Raunen durch die Menge. Auf dem hinteren Teil eines Lastwagens stand eine große Tiergestalt. Sie war leuchtend rot und glich meinem Freund, dem Hofhund Tella. Die Straße war noch gepflastert und so schaukelte der arme Löwe auf seinem Podium gefährlich hin und her. Außer uns hatte die Familie noch Gäste, und ich fühlte, dass ich den „Roude Léiw“ hätte bewundern müssen. Aber – ich stellte mir Tella in einem solchen Aufzug vor und lachte, laut, voll heraus … Mutter rügte mich, Tante schämte sich, aber ich lachte bis der rote Löwe um die Ecke gewankt war und hinten wieder eine Blaskapelle flötete.

Als Vater uns abholen kam, war er starr vor Kälte und freute sich über eine Tasse Kaffee, den es jetzt wieder im Handel gab. Er nahm mich aufs Knie und fragte, was ich heute denn Schönes gesehen hätte. Ich antwortete: „Den Zug“ – „Ja, natürlich den Fackelzug“, meinte eine Dame. „Nein, einen richtigen Zug mit 2 Lokomotiven und sooo vielen Wagen.“ Dabei zeigte ich immer wieder meine 10 Finger, an denen ich ja abgezählt hatte. Verlegenes Schweigen. Vater unterdrückte ein Lachen. Dann sagte er: „Und der „roude Léiw“?“ Ich zögerte, wollte nicht noch einmal gerügt werden. Aber ich kam um eine Antwort nicht herum, denn die Frage kehrte wieder. Mutter und Tante sahen sich an. Ich arbeitete mich vom väterlichen Knie hinunter auf den Fußboden und sagte etwas trotzig: „Ja, ich habe ihn gesehen, aber Tella ist schöner.“ Ich glaubte zu spüren, dass Vater wieder ein Lachen unterdrückte. Von ihm bekam ich keine Rüge. „Na, ja“, sagte er nur.

Mutter nahm unsere Mäntel vom Haken, bedankte und entschuldigte sich und wir fuhren mit der ersten beflaggten Straßenbahn nach Hause. Damit hatte sich die Sache erledigt. Fackel- und ähnliche Züge mutete mir niemand mehr zu und ich tue sie mir bis heute nicht an.