Winterspiele am Hämmer Pull

Auf einem spitzen Landfleck am Dorfeingang von Hamm, zwischen der Paschtoueschgaass und dem Pëppelcheswee, dort lag der mit Spitzpappeln besäumte Dorfweiher: der Hämmer Pull.

Im Winter war der zugefrorene Teich ein Mittelpunkt für die Dorfjugend. Die großen Jungen zogen auf dem vom Schnee freigefegten Teil eine lange Eisbahn, eine blitzblanke „Schläich“. Nach einem Anlauf von fester Erde aus flitzten sie auf ihren genagelten Schuhen über die ganze Breite. Wir Kleinen durften die rasenden Gleiter nicht stören und mussten uns mit dem seitlichen Teil zum Tummeln begnügen.

Foto Ferdy Dumont

Foto Ferdy Dumont

Hin und her machte ich eines Tages auf dem ruhigen Teil meine unbeholfenen Gleitübungen, bis urplötzlich sich unter mir eine Leere auftat und ich mich hüfttief in eiskaltem Wasser wiederfand. Ich war in ein Eisloch gefallen. Die Welt war für mich plötzlich zweigeteilt: Bauch und Füße gefangen in einem bedrohlich-kalten Element, mein Oberkörper in der gewohnten, friedlichen Umgebung. Ich habe wohl erbärmlich um Hilfe geschrien, denn mein großer Cousin war bald zur Stelle und zog mich Zappelnden aus der misslichen Lage. Zum Glück war der Lochdurchmesser klein, so dass ich mich mit den Ellbogen und dem Schulranzen auf der Eisoberfläche abstützen konnte. Außer dem Schrecken, war ich zu keinem Augenblicke in irgendeiner Lebensgefahr gewesen, aber ein zwanzig Minuten langer Heimweg in klirrender Kälte stand mir bevor! Unterwegs, musste ich an den strafenden Vater denken; zuhause empfing mich schließlich, in nassen Schuhen und hartgefrorenen Kleidern die rettende, warme Stube.

Später, 1942, als Viertklässler widerfuhr mir am selben Ort wiederum ein abenteuerliches Geschick. Es war Winterende, Tauwetter hatte schon lange eingesetzt, als ich an einem Sonntagnachmittag am Teich vorbei kam und die schwimmenden, großen Eisschollen betrachtete. Das regte meine Phantasie an und mein waghalsiger Plan sollte gleich nach der Vesper in die Tat umgesetzt werden. Eine lustige Fahrt auf einer Eisscholle müsste doch leicht möglich sein! Mein Bruder und meine zwei Cousins ermunterten mich zur Ausführung des großartigen Einfalls. Gemeinsam suchten wir einen geeigneten dürren Pappelast als Manövrierstange. Damit mühte ich mich vorerst ab, vom äußersten Rand des vollgefüllten Teiches eine Scholle ans Ufer zu ziehen. Dabei kam mir das Lied vom Knäblein in den Sinn, das am Weiher steht und leise zu sich spricht: „ … Ich muss es einmal wagen, das Eis, es muss doch tragen, wer weiß, wer weiß, wer weiß“.

Froh, endlich das Eis in Ufernähe geschafft zu haben, tat ich den mutigen Sprung auf die Scholle, indem ich mich mit dem Holz abstieß und mich ruckartig in die hohe See katapultierte. Im Nu aber neigte sich das als sicher scheinende Floß und ich rutschte rückwärts ab ins eiskalte Nass. Strampelnd rettete ich mich schnell ans Ufer. Zu spät sollte ich mein wohlüberlegtes, aber falsch eingeschätztes Vorhaben und meinen leichtsinnigen Übermut bereuen; ich musste an die Fortsetzung des Schmähliedes denken: „… das Büblein platscht und krabbelt als wie ein Krebs und zappelt; … es hat getropfet, vom Fuße bis zum Kopfe, der Vater hat geklopfet, zu Haus, zu Haus, zu Haus“. Ja, bei der Aussicht auf Prügel, – die Strafe, die ich auf dem weiten Heimweg bedachte,- in Anbetracht des nassen Zustandes meiner besten Sonntagskleider und -schuhe, schien mir die Wegstrecke diesmal doch allzu kurz. Meine Mutter aber überging glücklicherweise großmütig meine Unvorsichtigkeit und war wohl froh, dass das Abenteuer mit dem seeuntauglichen Floß noch glimpflich verlaufen war.

Mein unrühmliches, peinliches Missgeschick stellte sich später als ein Glücksfall heraus, ja als ruhmreiche Tat, weil ich in einem Schulaufsatz als Sechstklässler das Erlebnis als ein missglücktes Abenteuer beschrieb. Unser Lehrer lobte meine Arbeit überschwänglich. Der am Vortage an die Wandtafel geschriebene Aufsatz erntete wegen einer perfekten Darstellung die einmalige Bestnote von 60 Punkten.

Später wurde der Dorfteich, der zu manchem Ungemach Anlass gab, einfach zugeschüttet. Heute heißt der Ort aber noch immer „Um Pull“.