Erinnerungen an den 2. Weltkrieg

Ich stamme aus Marnach, wo ich 1911 geboren wurde. Im April 1929 trat ich der Freiwilligenkompanie bei und übte dort meinen Dienst aus bis ich 1935 in Vianden eine Stelle als Zollbeamter bekam.

Schon Jean 19 ans

Jean Schon im Alter von 19 Jahren in der Uniform der Freiwilligenkompanie

Zu diesem Zeitpunkt war Hitler schon zwei Jahre an der Macht. Man hörte allerhand schreckliche Dinge von dort, doch damals interessierte ich mich nicht besonders dafür. Das änderte sich jedoch als Hitler mit seinen Truppen am 10. Mai 1940 ins Land einfiel.

Es war nicht nur allein der Aufmarsch und die Besetzung durch die deutschen Truppen, die den Luxemburgern zu schaffen machten, es war vielmehr die politische Seite, die ein paar Monate nach der Besatzung begann und die Luxemburger hart traf: der braune Terror begann unter der Form der Volksdeutschen Bewegung (VDB). Besonders betroffen waren zu Beginn die Staatsbeamten, die gezwungen wurden, dieser Bewegung beizutreten. Das Ziel dieser Bewegung war aus den Luxemburgern Reichsdeutsche zu machen und sie darauf vorzubereiten, an das Großdeutsche Reich annektiert zu werden. Ich, als Zollbeamter, wurde nicht nur gezwungen der VDB beizutreten, sondern musste auch in die Zollschule nach Bautzen in Sachsen zwecks Umschulung.

Zu dieser Zeit (Ende 1940, Beginn 1941) gab es aber auch bereits Bewegungen gegen diese Propaganden. Geheimorganisationen wie LPPD, LVL waren gegründet worden, um die Resistenz zu organisieren. Reaktionen wie der „Spéngelskrich“ waren weitere Antworten auf die propagandistische Politik der Nazis. Eine Nadel mit dem Luxemburger Löwen wurde schon vor der Besetzung der Deutschen, seit der Unabhängigkeitsfeier 1939 getragen; jetzt wurde sie aus Protest getragen, genauso wie der „béret basque“.

Es gab auch „schlechte“ Luxemburger, hauptsächlich Landstreicher und Wilderer, die eine Polizei gründeten um z.B. bei einem Fußballspiel zu kontrollieren ob jemand die Nadel oder den „béret basque“ trug. War dies der Fall, so wurde die entsprechende Person nicht nur von ihnen zerschlagen, sondern auch noch angezeigt, da durch ein Dekret vom Gauleiter, der seit August 1940 am Ruder war, das Tragen der Nadel und des „béret basque“ verboten waren.

Doch dieser Spitzeldienst dauerte nicht lange: es handelte sich um Leute aus Boxer die glaubten, sie könnten durch diese Tätigkeit der Arbeit entgehen, doch die Deutschen ließen dies nach ein paar Monaten nicht mehr zu und zwangsverpflichteten sie zur Arbeit. Die Spitzel tauchten unter und versteckten sich im Wald. Sie wilderten, machten Überfälle, brachen in Molkereien ein usw. um zu überleben. Die Deutschen machten Jagd auf sie. Einmal fanden sie sogar ihren Proviant: einen in einem „Solperfaass“ eingelegten Hirsch.

Ich kam also im März 1941 in die Zollschule nach Bautzen. Vom Fachlichen her war die Ausbildung nicht so schlimm, ich nahm es als Perfektionierung. Schlimmer war die politische Seite der Ausbildung, weil die Deutschen die Luxemburger auch politisch engagieren wollten. Doch dies gelang ihnen nur in wenigen Fällen: einige bekamen Stellen bei der VDB als Blockleiter, Zellenleiter oder Ortsgruppenleiter.

Die Umschulung dauerte drei Monate. Danach wurde ich an die belgische Grenze versetzt, wo ich im Herbst 1941 in Malmedy meinen Dienst unter der deutschen Verwaltung begann.

Schon Jean en uniforme

Jean Schon als Zollbeamter

Im Januar und Februar 1942 starben meine Eltern und ich bekam so die Gelegenheit, den Dienst zu verweigern. Denn meine Schwester war nun allein um Gast- und Landwirtschaft zu verwalten. Ich nahm Abschied bei den Deutschen unter dem Vorwand, den landwirtschaftlichen Betrieb ausnutzen zu wollen, da ich wusste, dass die Landwirtschaft ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Deutschen war.

So konnte ich also zuhause bleiben. Doch die Deutschen ließen mich nicht lange in Ruhe. Der Zellenleiter bot mir die Stelle des Blockleiters an, was ich radikal ablehnte. Dies, und vor allem meine Mitgliedschaft bei der LVL, der ich 1941 während meiner Stationierung als Zollbeamter beigetreten war, brachten mich in Gefahr. Die Deutschen waren schnell auf die Schliche der Resistenzorganisationen gekommen und die Gestapo hatte in Vianden viele Mitglieder der LVL verhaftet. Diese hatten die Namen anderer Mitglieder unter dem Druck der Gestapo preisgegeben. Ich wurde rechtzeitig gewarnt und konnte flüchten. So konnte ich mich der Deportation in ein KZ, von wo ich sicherlich nicht mehr zurückgekommen wäre, entziehen.

Nun begann für mich die Zeit der „clandestinité“. Ich war insgesamt an vier verschiedenen Plätzen versteckt, abgesehen von den Orten, wo ich nur eine bis zwei Wochen verbrachte.

Das erste Versteck war bei meiner Freundin und Nachbarin Catherine Schmitz, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auf einem landwirtschaftlichen Betrieb lebte. Der jüngste Bruder war zu der Zeit im gezwungenen Arbeitsdienst.

Eine Episode aus der Zeit ist besonders lebendig in meiner Erinnerung. Es wurde viel schwarzgeschlachtet um für Nahrung für die Versteckten zu sorgen. Zusammen mit meinem zukünftigen Schwager hatten wir gerade ein dickes, fettes Schwein geschlachtet und waren im Begriff, es im Stall auf einem ziemlich wackeligen Tisch auseinanderzunehmen, als ein Bus mit SS vor dem Haus hielt. In diesem Augenblick brach der Tisch zusammen und wir gerieten in ziemliche Panik. Schnell deckten wir das tote Schwein mit einigen Ballen Stroh zu und ich suchte so schnell wie möglich mein Versteck in der Scheune im Heuboden auf. Meine Freundin empfing die Deutschen, die Mutter war glücklicherweise hinter dem Haus, sie hätte wahrscheinlich nicht standgehalten. Meine Freundin verhielt sich vorbildlich: sie war freundlich und lachte mit den Deutschen und auf die Frage, ob irgendwo Deserteure versteckt seien antwortete sie, dass dies unmöglich sei! Überzeugt durch ihren Charme fuhren die Deutschen weiter. Meine Freundin hatte uns allen das Leben gerettet!

Das Versteck wurde zu gefährlich, als mein jüngster zukünftiger Schwager, der im Arbeitsdienst und danach in der Wehrmacht war, desertierte. Ich ging zu meiner Schwester ins Elternhaus. Doch auch hier war es sehr gefährlich, da die Clerfer Polizei an unserem Haus, das an einer Hauptkreuzung lag, Posten bezogen hatte, um bekannte Flüchtlinge abzufangen. Während 3 Wochen schlief die Polizei in unserem Gasthof. Die Zimmer lagen nahe beieinander und auf keiner Tür gab es einen Schlüssel. Meine Schwester musste sich um das Vieh kümmern und mir heimlich die Nahrung aufs Zimmer bringen. Ich musste ganz still sein, durfte nicht einmal husten, bis ich dann eines Tages durch Bewegungsmangel aus dem Bett fiel. Gottseidank hatte niemand mich gehört! Ich war aber nicht nur in dem Zimmer, ich hatte auch noch einen Bunker auf dem Heuboden der Scheune gebaut. Das Leben hier war ziemlich unsicher und sehr langweilig.

Auch für meine Schwester wurde es immer gefährlicher. Mehrmals schon war die Gestapo an sie herangetreten, damit sie ihnen verriet wo ich hingegangen war. Ich war also gezwungen, das Versteck wieder zu wechseln.

Die Resistenz brachte mich nach Roder zur Bauernfamilie Hames. Sie versteckten mehrere Luxemburger aus Patriotismus. Sie hatten ein deutsches Dienstmädchen aus dem Grenzgebiet und dieses Mädchen versorgte die Flüchtlinge, brachte ihnen das Essen und kümmerte sich um alles, was anfiel. Diesem Mädchen wäre es sehr schlecht ergangen, wäre sie von der Gestapo erwischt worden. Aus dieser Geschichte habe ich gelernt, dass man die Deutschen nicht unter Kollektivschuld setzen kann, es gab nämlich auch gute Deutsche.

Zu Beginn wurde ich im Haus versteckt, ich verbrachte aber auch einige Zeit in der Scheune im Heu. Mit den vielen anderen Flüchtlingen machte ich Ausgänge, die aber nur von kurzer Dauer waren. Es bestand immer die Gefahr dass ein „Gielemännchen“ oder die Gestapo uns erwischten, da sich unsere Präsenz in der Gegend herumgesprochen hatte.

Es wurde schließlich so gefährlich, dass wir uns alle im Wald verstecken mussten. Aber auch hier wurden wir noch von der Familie Hames mit Nahrung versorgt. Ich war einer der Letzten die in den Wald geflüchtet waren; zu diesem Zeitpunkt war der Bunker bereits fertiggestellt.

Die Wälder wurden öfters von den Deutschen und den luxemburgischen Kollaborateuren durchsucht. Wir standen permanent mit einem Fuß im Grab. Wir verbrachten den ganzen Tag im Bunker, nur nachts gingen wir manchmal hinaus. Im Bunker hatten vier Personen Platz, wir schliefen auf Strohlagern und hatten einen Ofen, doch diesen gebrauchten wir nur manchmal nachts, weil die Gefahr zu groß war, dass jemand den Rauch sehen könnte. So saßen wir oft kalt da.

Alle paar Tage wurden wir mit Nahrung versorgt und bekamen bei der Gelegenheit auch Nachrichten zum Verlauf des Krieges. Ich war ein paar Monate vor der Landung der Amerikaner in der Normandie in den Bunker gekommen.

Im September 1944 besetzten die Amerikaner das Gebiet. Die Deutschen zogen sich hinter die Siegfriedslinie zurück. Anfangs beschossen die Amerikaner die Deutschen doch diese antworteten nicht, da sie sich nach ihrer Flucht aus Luxemburg noch nicht richtig installiert hatten. Schließlich waren sie einsatzbereit und ripostierten.

Unser Elternhaus bekam viele Einschläge ab, da es an einer Hauptkreuzung lag. Das Dorf Marnach wurde von Luxemburger Seite aus zwangsevakuiert, da andauernd Granaten einschlugen. Meine Schwester und ich mussten uns mit unseren Habseligkeiten und unserem Vieh nach Enscherange zurückziehen. Dort blieben wir in der Meinung, der Krieg sei vorbei.

Doch Ende 1944 kam die Rundstedtoffensive: der Norden des Landes wurde wiederum von den Deutschen besetzt und verwüstet. Wir mussten wieder die Flucht ergreifen und gingen über die Höhe von Enscherange nach Wiltz. Doch auch Wiltz wurde von den Deutschen besetzt. Wir mussten das Vieh und unsere Habe im Stich lassen und flüchteten nach Belgien, nach Arlon, wo wir bei einer Familie einquartiert wurden. Wir halfen auf dem Bauernhof bis die Rundstedtoffensive vorbei war und wir wieder nach Hause gehen konnten.

Unser Dorf war in einem erbärmlichen Zustand. Es bestand auch noch Gefahr durch scharfe Minen, einige Leute verloren so ihr Leben. Glücklicherweise fand ich meine nahen Verwandten und Bekannten wieder, speziell meine Geschwister und meine Freundin und deren Familie, die nach Schlesien umgesiedelt worden waren und im Juni 1945 zurückkamen.

Mein heutiges Verhältnis gegenüber den Deutschen ist durch die Episode von Roder geprägt: man darf die Deutschen nicht kollektiv verurteilen, auch wenn vieles unter der Naziherrschaft geschehen ist, das man weder vergessen kann noch rückgängig machen kann wie KZ, Judenverfolgung und die Millionen Menschen die umgebracht wurden.

Dieses Interview wurde 1993 von der Enkelin von Jean Schon, Nadine Thies, niedergeschrieben.

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Sofort nach dem Krieg wurde geheiratet: das Brautkleid von Catherine Schmitz war aus amerikanischem Fallschirmstoff

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