Der Fetschebuer

Der Fetschebuer in Hamm,  eine begehrte Wasserstelle weit und breit, die Lebensader für die wenigen Bewohner des Äppelweg und er gab der Umgegend des Hammertälchens den Flurnamen.

Noch bis nach dem 1. Weltkrieg war es die einzige Trinkwasserstelle für die wenigen Anwohner, wie Gärtner Schosseler, Bauer Jeck, meinen Großvater, Wollweber Dumont sowie Bahnwärter Ewen im Baueschbierg.

Pierre Dumont-Gudendorf, Erbauer des isoliert gelegenen Hauses im Äppelwee (1911) Foto: Ferdy Dumont

Pierre Dumont-Gudendorf, Erbauer des isoliert gelegenen Hauses im Äppelwee (1911) Foto: Ferdy Dumont

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Mein Großvater trug noch bis zum kommunalen Trinkwasseranschluss das Wasser  mit zwei randvollen Eimern am  Joch nach Hause.

An der offenen Waschbrunnenanlage mit zwei steinumgrenzten Wasserbecken hatte noch meine Großmutter die Wäsche gebleuelt. Damals gab es abseits der Quelle am Wegesrand noch einen halbrunden, mit  Mauerwerk eingefassten Teich, der auch im Kadasterplan um 1860 eingezeichnet ist.

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Die Wasserleitung  kam erst um 1920, ausgenommen für einen späteren, weiter entfernt gelegenen Neubau, „A Spritzesch“ genannt. Noch während dem 2. Weltkrieg pendelte dessen Bewohner,  der Großvater von Familie Stein – wir nannten ihn „Waasser-Lutti“ – bei jedem Wetter, tagein, tagaus, zum kilometerweit entlegenen Brunnen. Dieser greise Mann mit wetterverbrämten Gesicht und grauem Stoppelbart war für uns eine alltägliche Erscheinung. Sein Gang unterm Joch leicht vornüber gebeugt, vom schweren Los des  ewigen Wasserholens geprägt, wies ihn als duldsamen Lastschlepper aus. Als gewissenhafter Wasserträger, schweigsam in sich gekehrt, den Blick fest auf die Straße geheftet, trippelte er gemessenen Schrittes, stoisch mit wankellosem Gang seinen Weg, wohl darauf bedacht keinen Tropfen aus den randvoll gefüllten Eimern zu verschütten. Seine stummen, nachtwandlerischen Pendelgänge unterbrachen achtlos unsere lauten, hitzigen Straßenspiele. Nur einmal erregte unsere Straßenmalerei seine Aufmerksamkeit, als er – das enge Gesichtsfeld seiner Umweltwahrnehmung verlassend – stehen blieb und interessiert unsere Kritzeleien betrachtete. Wollte er sich vergewissern, ob er nicht vielleicht das Ziel unseres Spottes war, wir nicht Ulk mit ihm trieben? Sein altes Hütchen zurechtrückend, setzte er dann unbewegt seinen gewohnten Gang wieder fort.

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Ferdy Dumont (stehend) mit seinen Brüdern in den 30er Jahren am Fetschebuer

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Der Fetschebuer in den 50er Jahren

Nur selten gingen wir auf dem Schulweg an der Quelle vorbei, ohne einen Schluck Wasser zu trinken und, wenn welche da waren, an den Pfützen am Wegesrand Kaulquappen zu fangen. In der sommerlichen Abenddämmerung läuteten die geheimnisvollen Unken, die wir aber niemals zu Gesicht bekamen. Das an heißen Sommertagen köstliche Wasser war eine willkommene Wegeslabung. Erst im dritten Schuljahr lernten wir, am Felsen hoch zu klettern, um an der Rohröffnung zu trinken.

Wenn ich als Kind in einsamen, fieberkranken Nächten aufwachte und mich ein heißer Durst quälte, stellte ich mir lebhaft vor, rittlings auf dem Ausflussrohr des Brunnens zu sitzen und  aus der flachen Hand das kühle, heißbegehrte Nass in tiefen, begierigen Zügen, lustvoll zu schlürfen.

Rücksichtslos benahmen wir uns zuweilen mit dem verlässlich fließenden Wasserstrahl, indem wir das Ausflussrohr mit Grassoden verstopften. Nicht ohne Gewissensbisse und Befürchtungen über mögliche Schäden an der Quelle, feierten wir später die Entfesselung der gestauten Naturkräfte: Vom Graspfropfen entledigt, stürzte die im Berginnern gestaute Wassermasse als ungestümer Wasserschwall in voller Rohrstärke, minutenlang in hohem Bogen übers  Becken hinaus.

Ein anderes Eingreifen in Naturabläufe bescherte uns heimlichen Erfolg. Auf dem Schulweg im Äppelwee, zwischen Jeckshof und Fetschebuer, führte ein Wassergraben bei Schneeschmelze viel Wasser, das unter der Straße zum Hammertälchen abgeführt wurde. Wenn nun das Einlaufgitter leicht durch zu viel Schlamm verstopfte, bildete sich auf der Straße manchmal ein kleiner See, der nicht ohne wasserfeste Stiefel zu durchqueren war. Ein Glücksfall: ein schulfreier Morgen war angesagt! Uns Buben fiel bald ein, bereits im Winter Vorsorge zu treffen, damit bei Winterende eine Überschwemmung vorprogrammiert wäre, indem wir mit Schneerollen den Einlauf verstopften. Prompt stellte sich im Frühjahr der gewünschte Erfolg ein.

Im Vordergrund, der Ort der Überschwemmung

Im Vordergrund, der Ort der Überschwemmung