Nanns Märri strickte immerfort

Nanns Märri wohnte mit ihrem Mann Pieri und einer Kinderschar in Eisenborn in einer Leibeigenenhütte, die es um 1920 noch gab. Die Hütte stand in der „Schnuddelgaass“, die damals nicht geteert war. Man kann sich vorstellen, wie sie bei regnerischem Wetter aussah: man konnte im Lehm schlittern. Von der Straße aus sah man Märris Bett an der Wand stehen, denn die Tür stand meist offen. Morgens schleuderte Märri mit großer Geste den Inhalt eines riesigen Nachttopfs in die Gasse.

Pieri ging jeden Tag von Eisenborn über Blascheid nach Lorenzweiler. Mit dem Zug fuhr er dann nach Dommeldingen zur Schmelz. Abends, wenn er auf dem gleichen Weg nach Hause kam, trug er ein 5-pfündiges Brot unter dem Arm. Das war Pieris „Geige“.

Um den Lohn ihres Mannes aufzubessern, strickte Märri für die ganze Gegend: Strümpfe, Socken, Pulswärmer, Knieschoner oder Fäustlinge. Dafür stand sie meistens vor dem Haus, das Wollknäuel in der Schürzentasche. Sie strickte automatisch, zog eine Nadel aus der Arbeit, kratzte sich hinter dem Ohr und strickte sofort weiter. Manchmal weidete sie auch die Ziege am Straßenrand, strickte immerfort, immerfort und unterhielt sich mit den Nachbarn oder einfach mit Passanten. Sie konnte auch lange ins Leere blicken, während ihre Hände weiterarbeiteten. Doch es entglitt keine Masche und Märris Arbeit war Qualität. Lesen und schreiben konnte sie nicht. Der Brieftäger las ihr die Post vor. Einen etwaigen Brief setzte der Lehrer für sie auf. Dabei erkundigte sie sich pflichtgemäß nach dem Verhalten und den Fortschritten ihrer Kinder in der Schule.

Für diese Dienste „revanchierte“ sie sich und strickte für Lehrer und Briefträger besonders kunstvolle Socken und Fäustlinge.

„Ach ja“, sagte mein Vater. „Märris Arbeit war perfekt, doch sie nahm zu feine Nadeln und die Dinger „bissen“ und „kratzten“. Für den Brieftäger und den Lehrer nahm sie extra dünne Nadeln und strickte Zöpfe hinein. Die beiden aber beschwerten sich nie, für mich aber war allein der Gedanke an Märris gestrickte Zöpfe ein wahrer Albtraum.“

Aber Märri strickte weiter und weidete ihre Ziege bis sie nicht mehr konnte. Sie wurde in Ehren begraben.