Ein eigenes Poesiealbum hatte ich nicht

Zwischen dem 5. – 6. Schuljahr und den ersten Lyzäumsklassen, etwa bis zum Passageexamen, kursierten in den Mädchenklassen Poesiealben, in denen sich die Freundinnen verewigten.

An einem schulfreien Nachmittag brütete ich über einem solchen Album und konnte nicht viel damit anfangen. Was schrieb man da hinein? Ich blätterte es von hinten nach vorne durch. Da waren über zwei Seiten Vergissmeinnichte gemalt und dazwischen stand: „Rosen, Tulpen, Nelken, diese Blumen welken, nur die eine nicht und die heißt Vergissmeinnicht.“

Auf der nächsten Seite war Schneewittchen aus dem Disney-Film abgepaust. Drei Zwerge kauerten vor ihr. Sie sagte mit mahnendem Zeigefinger: „Das Leben ist Kampf. Siege!“ Ein ziemlich wütender Donald Duck figurierte weiter vorn als Abziehbild und schrie: „Mensch sein heißt Kämpfer sein.“ Dann hatte wahrscheinlich eine Mutter sich jede Mühe gegeben, eine Rose hinzukriegen und daneben stand: „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß.“ An die zeichnerischen Kunstwerke neben den folgenden Sprüchen, die mich sehr beeindruckten, kann ich mich nicht erinnern. Doch da las ich: „Ich bin dein, du bist mein, dessen sollst du gewiss sein. Ich hab dich geschlossen ins Herz hinein, hab nun verloren das Schlüsselein, darum musst du ewig drinnen sein.“

Später erfuhr ich, dass sie von Walther von der Vogelweide stammten. Sie schlugen bei mir damals aber bloß irgendeinen Akkord an.

Was mir auffiel war, dass neben jeder Eintragung stand „Deine Freundin …“. Ehrlich, das störte mich. Auf einmal sagte ich vor mich hin: „Das ist nicht wahr. Nein.“ Wenn ich mir die Namen ansah … wer war da meine Freundin? Ging es nicht bereits um Wettkampf, um Plätze, Zeugnispunkte? Mit wem konnte ich über persönliche Interessen sprechen? Welches Gelächter gab es, als ich für den Botanikunterricht die Dotterblume ausgegraben hatte, um den Text zu analysieren, anstatt ihn auswendig herunterzuleiern? War ich ihre Freundin? Nun, da waren einige gute Kameradinnen, aber konnten sie verstehen, dass Sprachen für mich mit Musik zu tun hatten? usw, usw.

Ich ergriff meine Buntstifte und zeichnete die damals so viel belachte Dotterblume aus dem Gedächtnis auf die leere Seite. Ich signierte die Zeichnung, setzte das Datum daneben und damit hatte es sich. Ich schrieb nicht „deine Freundin“. Ähnliches tat ich mit anderen Alben, die auf meinem Tisch landeten, doch recht schnell ging so ihr Kelch an mir vorüber.

Irgendwie war mir bewusst, dass ich mich isolierte und dass ich auf die Freundin nach meinen Kriterien, die auch gegenseitig sein sollten, lange warten müsste. Na dann, eben so! Etwas trotzig, linkisch und tollpatschig begann ich meine eigene Welt aufzubauen – die sich mit der Zeit glücklich bevölkerte. Ich weiß heute, dass ich damals erste Erfahrungen in der Unterscheidung der Geister in Sachen Beziehungen machte.

Ein eigenes Poesiealbum hatte ich nicht. Das „Schlüsselein“ Walther von der Vogelweides aber blieb mir dauerhaft im Gedächtnis, denn es steht für Treue, Verstehen, Aufrichtigkeit und Diskretion.