Geschichte des Telefonnetzes in Grosbous

Die Gelehrten sind heute noch geteilter Meinung, wem nun die Erfindung des Telefons zuzuschreiben sei: Reis oder Bell. Beide haben jedenfalls dazu beigetragen, dass wir heute von unseren eleganten Fernsprechapparaten über weite Entfernungen sprechen können.
Das Telefon wurde für den öffentlichen Gebrauch in Luxemburg durch das Gesetz vom 20. Februar 1884 freigegeben. Schon am 1. Oktober 1885 wurde das Telefonamt Luxemburg mit 91 Abonnenten in Betrieb genommen (Berlin hatte zur Zeit der Inbetriebnahme nur 48 Teilnehmer).

Das Netz in Grosbous
1) Einführung
Der erste Telefonapparat wurde bereits 1884 bei der Postagentur in Grosbous eingerichtet. Er diente nicht der Obermittlung von Privatgesprächen, sondern der Weitergabe von Telegrammen.
Durch den Telefonapparat (statt des Morseapparates) war das Vermitteln des Telegramminhaltes sehr vereinfacht geworden.
Der Verkehr von Abonnent zu Abonnent wurde erst am 16. August 1889 eingeführt (gleichzeitig mit den Ortschaften Boulaide, Esch-Sauer, Bögen, Dalheim).
Somit wurde Grosbous einige Bedeutung zugemessen, denn Schifflingen z.B. erhielt erst 1913 ein Telefonnetz.

2) Teilnehmer
Leider sind die Teilnehmerverzeichnisse aus der Zeit vor 1904 verlorengegangen.
Bis zu diesem Zeitpunkt wurden auch keine Fernsprechbücher, sondern nur Teilnehmerlisten herausgegeben. Erste Hinweise auf die Teilnehmer von Grosbous enthält das „Handbuch für die Teilnehmer an den Fernsprecheinrichtungen” vom 1. April 1904.
Hier waren auf Seite 42 unter Nr. 94 „Fernsprechanlage in Grosbous” folgende Teilnehmer eingetragen :
2 Ettelbrück, Telephonamt
4 Gendarmerie, Grosbous
6 Offentliche Fernsprechstelle, Postamt
3 Rambruch, Telephonamt
5 Bettborn, Telephonamt
8 Schandel, Gemeindeverwaltung
7 Wahl, Gemeindeverwaltung

Einen Privatmann gab es also nicht unter diesen Teilnehmern. Soll es an den Gebühren, am mangelnden Interesse oder dem misstrauischen Abwarten allem Neuen gegenüber gelegen haben?
Erst im „Handbuch für die Teilnehmer an den Fernsprecheinrichtungen” vom März 1913 finden wir :
4 Gendarmerie
12 Majerus Michel, Sägewerk und Cafebesitzer, Grevels
11 Rosseau Alex, Apotheker
Die Post muss auf diese Stammkunden bis in die 20er Jahre zählen. 1924 lässt das „Livret l’usage des abonnés aux reseaux téléphoniques” neue Namen in Erscheinung treten:
11 Cahen Marx, proprietaire J. Cahen, maison de commerce
4 Gendarmerie
14 Lieffrig-Muller, J.-P. boulangerie
13 Lies Michel, hotelier
12 Majerus Michel, scierie et cafetier, Grevels
16 Wallenborn Math., transports et camionnage.

Die Teilnehmerzahl erhöhte sich ständig, wie nachstehende Statistik zeigt :
1904: 3
1913: 3
1921: 6
1928: 12
1937: 18
1940: 22
1950: 36
1954: 47
1960: 70
1971: 91
Die Erhöhung ist verschiedenen Umständen zuzuschreiben:
 Verbilligung der Gebühren,
 grössere Kontaktfreudigkeit der Bevölkerung,
 Wunsch nach schneller Verständigung,
 allgemeines Vordringen der Technik …

Zum Vergleich hier die Zahlen für das Land Luxemburg :
1904: 1860
1945: 10730
1950: 16853
1960: 36 486
1970: 81 645

3) Technische Einrichtungen
Eine der wichtigsten Einrichtungen eines Telefonnetzes ist die Vermittlung. Hier werden die Teilnehmer zusammengeschaltet. Das geschah früher mit der Hand.

a) Die Handvermittlung
Grosbous hatte eine Handvermittlung bis zum 9. Juli 1959. Diese Vermittlung besteht aus einem Schrank, in den alle Teilnehmerleitungen münden. Ruft ein Abonnent das Amt durch Drehen der Kurbel seines Apparates an, so fällt die seiner Nummer entsprechende Klappe (daher die Bezeichnung Klappenschrank).
Eine Klingel machte den Beamten auf den Anruf aufmerksam. Unter den Klappen sind Klinken, an die jeweils eine Teilnehmerleitung ange¬schlossen ist. Der Beamte verband sein Telefon mit der Klinke des anrufenden Abonnenten und fragte nach dessen Wunsch. Um zwei Teilnehmer miteinander zu verbinden, brauchten nur ihre Klinken mit einer Leitungs¬schnur verbunden zu werden.
Lange Wartezeiten und zeitlich beschränkter Dienst waren die Nach¬teile der Handvermittlung.
An den Klappenschrank von Grosbous konnten zuletzt 100 Leitungen angeschlossen werden. Der Schrank war ein Fabrikat der Bell Telephone Mfg. Co aus Antwerpen.

b) Die automatische Vermittlung
Sie ist Tag und Nacht betriebsbereit und ermöglicht den Abonnenten, ihre Verbindungen in einigen Sekunden selbst herzustellen.
Die neue automatische Vermittlung wurde am 9. Juli 1959 in Betrieb genommen. Geliefert wurde sie von der Albis AG, Zürich, einer Tochterfirma von Siemens & Halske.
Im Zuge der Vereinheitlichung des Netzes hatte die Postverwaltung das sogenannte EMB-System von Siemens & Halske gewählt, das weltweite Anwendung gefunden hatte.
Alle Telefonzentralen Luxemburgs arbeiteten nach diesem System.
Ebenfalls im Zusammenhang mit der Vereinheitlichung erhielten alle Teilnehmer fünfstellige Rufnummern. Die beiden ersten Ziffern gaben immer das Ortsnetz an. So erhielt Grosbous die Kennzahl 88. Bei fünfstelliger Rufnummer können also die Nummern 88000-88999 verwendet werden; die Zentrale Grosbous konnte demnach 1000 Teilnehmer aufnehmen.
Ihr Fassungsvermögen war demnach zehnmal grösser als das der früheren Handvermittlung.

c) Die Telefonapparate
Der in der Abbildung gezeigte Apparat zählt heute bereits zu den Liebhaberstücken. Dieses Modell (Baujahr 1904) war aus poliertem Nuss¬baumholz gefertigt; auf der abgeschrägten Platte konnte ein Schreibblock befestigt werden. Mikrofon und Hörer waren ursprünglich auch nicht zu einem Handapparat zusammengefügt, hierzu ging man erst gegen 1910 über.
Solche Geräte wogen etwa 7 kg.

Geschichte-des-Telefonnetzes-in-Grosbous_Bild-05 Telefon Jahr 1904-600

Die Post bezog ihre Apparate damals vor allem von folgenden Firmen:
Schäfer & Montanus (diese Firma hatte die Post zuerst mit Telefon¬apparaten beliefert), Siemens & Halske, Bell, Atea, Ericsson.
Die Teilnehmer mussten „beim Herannahen eines Gewitters” ihre Apparate erden. Anleitungen hierzu waren im Teilnehmerverzeichnis nach¬zulesen.
Die Apparate waren massiv, aus vielen Einzelteilen von Hand zu¬sammengesetzt und dementsprechend teuer in der Herstellung. Sie benö¬tigten Unterhalt: von Zeit zu Zeit musste die Batterie ausgewechselt werden.

d) Verbindungen zu andern Ortschaften
Die ersten Fernsprechnetze waren reine Ortsnetze, d.h. über die Grenzen der Ortschaft hinaus konnte nicht telefoniert werden.
Die Verbesserung der Mikrofone und Hörer ermöglichte aber nach und nach diese Grenzen zu sprengen.
Grosbous war 1904 schon mit Ettelbruck, Rambrouch und Bettborn verbunden.
1947 bestanden folgende Verbindungsleitungen :
2 nach Ettelbruck
3 nach Bettborn
2 nach Redingen

Vor 1940 bestand noch eine Direktleitung mit Rambrouch. Zur Zeit der Handvermittlung waren folgende Dörfer ebenfalls direkt mit der Vermittlung in Grosbous verbunden:
Dellen,
Wahl,
Kuborn,
Brattert,
Heispelt,
Schandel

Die Teilnehmer dieser Dörfer waren nicht direkt an den Klappenschrank in Grosbous, sondern an den Vermittlungsschrank ihrer „Cabine publique” angeschlossen. Eine Leitung dieses Schrankes führte jeweils zum Schrank in Grosbous. Somit war es möglich, Grosbous und damit Ettelbruck und Luxemburg zu erreichen.
Die öffentliche Fernsprechstelle ermöglichte auch den Personen, die keinen eigenen Anschluss hatten, am Fernsprechverkehr teilzunehmen; ausserdem hielt sie die Leitungskosten niedrig.
Eine Ausnahme bildeten die Teilnehmer Buschrodts: sie waren direkt an Grosbous angeschlossen.
Im Jahr 1970 war die automatische Zentrale von Grosbous durch 28 Leitungspaare mit Ettelbruck verbunden (14 in der einen, 14 in der andern Richtung).
Waren im Handbetrieb die 2 Leitungen nach Ettelbruck besetzt, so bestand die Möglichkeit, falls ein dringendes Gespräch zu führen war, nach Redingen und von da aus nach Ettelbruck verbunden zu werden. Solche Umwege waren zeitraubend und die Qualität der Verständigung wurde dadurch auch nicht besser.

Verbindungen nach dem Ausland waren schon seit der Einführung des Fernsprechdienstes möglich:
mit Belgien seit dem 10. Juni 1898
mit Frankreich seit dem 1. Februar 1900
mit Deutschland seit dem 1. November 1902
Diese Verbindungen wurden über Ettelbruck und Luxemburg hergestellt.

e) Wie war Grosbous nun von auswärts zu erreichen?
Vor 1922 (Datum der Automatisierung der Hauptstadt) mussten alle Teilnehmer die Verbindung bei ihrem Postamt anfragen.
Ein Luxemburger Teilnehmer z.B. wurde von Luxemburg nach Ettel¬bruck und von da nach Grosbous verbunden.
Ein Remicher Abonnent wurde erst nach Luxemburg, dann auf dem erwähnten Weg vermittelt.

Erst 1922 konnten die Teilnehmer der Hauptstadt die meisten Handvermittlungen durch Wählen einer dreistelligen Zahl erreichen:
Esch-Alzette 971,
Echternach 937,
Cap 985,
Ettelbruck 961 .. .

Die Verbindung zum Teilnehmer aber wurde wie bisher immer noch durch die Hand hergestellt.
Am 5. August 1941 war auch in Ettelbrück die Handzentrale durch eine automatische von Siemens & Halske ersetzt worden. Das Ortsnetz Ettelbruck erhielt jetzt die Rufnummer 02. Ein Luxemburger Teilnehmer erreichte den Ettelbrücker Teilnehmer 2397, indem er die Ziffern 02-2397 wählte. Die Handvermittlung Ettelbrück, die auch weiterhin. die Verbin¬dungen nach Grosbous und anderen Handnetzen herstellte, war jetzt unter der Nummer 02-1 zu erreichen. Grosbous war aber auch über Redingen (9981) anzuwählen. In den 50er Jahren wurde die eine der beiden Verbindungsleitungen Grosbous-Ettelbrück an die automatische Zen¬trale Ettelbrücks angeschlossen. Der Vermittlungsbeamte in Grosbous konnte somit Teilnehmer von Ettelbrück, Luxemburg (Luxemburg war von Ettelbrück durch Wählen der Zahl 01 zu erreichen), sowie den an Luxemburg angeschlossenen Ämtern selbst wählen, was eine bedeutende Verringerung der Wartezeiten mit sich brachte.
Nach der Automatisierung von Grosbous verschwanden die erwähnten Handvermittlungen in den einzelnen Dörfern. Diese Teilnehmer wurden direkt an die Grosbouser Zentrale angeschlossen.

f) Die Gebühren
Die Gesprächstaxe wurde erst am 15. Januar 1920 eingeführt. Vor diesem Datum war sie im Abonnementspreis einbegriffen. Allerdings musste sich der Teilnehmer verpflichten, seinen Apparat keiner fremden Person zur Verfügung zu stellen. Die Überwachung dieser Auflage war natürlich sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich.
1908 kostete ein Hauptanschluss während der ersten 5 Jahre 100 Fr., während der folgenden Jahre 90 Fr.; die Erneuerung der Batterie wurde mit 2 Fr., ein zweiter Hörer mit 10 Fr. und ein Teilnehmerverzeichnis mit 1 Fr. berechnet.
Für den Teilnehmer war das Verzeichnis gratis.
1924 verlangte die Post mehr für ihre Dienste : ein Gespräch kostete 0,25 Fr., die Einrichtung eines Anschlusses je nach Ortschaft zwischen 80 und 150 Fr., die Erneuerung der Batterie 10 Fr., ein zweiter Hörer 60 Fr., der Tischapparat war 50 Fr. teurer als der Wandapparat …
Das Telefon war damals ein Luxus, den nicht jeder sich leisten konnte. Deshalb finden sich in den alten Teilnehmerverzeichnissen auch fast nur Geschäftsleute, Verwaltungen und Freiberufliche.
Auch musste der Abonnent seine Telefonate während der von der Post hierfür vorgesehenen Dienststunden abwickeln, die sicher nicht immer seinen persönlichen Bedürfnissen entsprachen.